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The Last House On The Left

The Last House On The Left

Ein Film von Wes Craven

In weiter Ferne, so nah! Als Mari inmitten der scheinbar nicht enden wollenden Marter in den Händen zwielichtiger Gestalten endlich merkt, an welch wohlbekanntem Ort sie sich eigentlich befindet, da wachsen in ihr die altgewohnten Gerüche der zarten Kindheit und die schmerzlich vermisste Wärme des wohlbehüteten Elternhauses zu einer bitteren Sehnsucht heran. Von diesem Zeitpunkt an weiß sie, dass sie nur ein paar Schritte von ihrem trauten Heim entfernt ist und dennoch sind es Welten, die sich nie wieder vereinen lassen werden. Jede ihrer panisch emotionalen Zuckungen in die Richtung der vormals heilen Welt, all ihre hoffnungsvollen Ansätze der Befreiung und ihr vollkommen irritiertes Durchhaltevermögen, resignieren letztlich in einem blutgetränkten Scherbenhaufen. Es ist die Hölle hinter dem Gartenzaun der Kindheit. „And the road leads to nowhere“ hört man David Hess singen...

Die Handlung ist leicht skizziert: Die wohlbehütet aufgewachsene Mari fährt an ihrem 17. Geburtstag zusammen mit ihrer eher lockeren Freundin Phyllis auf ein Rockkonzert der Band „Bloodlust“ in New York. Um sich den Ausflug angenehm zu versüßen, versuchen die beiden, sich ganz unverblümt etwas Gras aufzustellen. Dabei geraten sie jedoch an vier brutale Kriminelle, die vor kurzem erst aus dem Gefängnis ausgebrochen sind und die beiden Mädchen als Geiseln nehmen. Für Mari und Phyllis beginnt eine unerträglich quälende Odyssee aus Erniedrigung, Folter, Vergewaltigung und schierer Gewalterf
ahrung, die zufälligerweise aufgrund einer einfachen Autopanne genau in dem wohlbekannten Wald kurz vor Maris schützendem Elternhaus ein trauriges Ende nimmt. Ein Ende, das die beiden Mädchen mit dem Leben bezahlen müssen. Da das Fluchtauto einer Reparatur bedarf, entscheiden sich die vier bei Maris Eltern zu übernachten – ohne zu wissen, in welch bedeutungsschwangerem Haus sie gerade gastfreundlich bewirtet werden. Als Maris Eltern, die sich bereits um ihr verschollenes Kind sorgen, jedoch Maris Amulett in den Händen ihrer Mörder sehen und nach und nach das gesamte Schreckenszenario mit all seinen Ausmaßen erkennen müssen, entscheiden sie sich für einen beispiellosen Racheakt – denn auf die örtliche Polizei ist kein Verlass.

The Last House On The LeftThe Last House On The LeftThe Last House On The Left

Wes Cravens Erstlingswerk ist ein klassischer Rape-Revenge-Movie, in dem die Täter zu Opfern werden. Nicht umsonst avancierte dieser Film zu einem wahren Kultphänomen, das 2009 leider wie so viele andere Klassiker dem einfallslosen Remake-Fanatismus einer gewinnorientierten Filmindustrie zum Opfer fiel - wobei man anmerken muss, dass Craven beim 2009er Remake als Produzent fungierte. Natürlich merkt man Craven und auch seinem Cast in dem 1972 entstandenen Film die Unerfahrenheit und das noch unerprobte Handwerk an, doch genau das verleiht dem Machwerk einen unausgesprochenen Charme. Umso stärker wirkt der Kontrast zu den drastischen Szenen, in die der Film immer wieder umkippt und den Zuschauer in einen emotionalen Freiflug ohne moralischen Boden versetzt. In seiner unvermittelten Wucht nimmt dieses Werk sicherlich eine bemerkenswerte Sonderstellung im Oeuvre eines Regisseurs ein, der später Klassiker wie „Nightmare on Elm Street“ oder Scream schuf. Für den Liebhaber unwichtiger Informationen sei noch angemerkt, dass der Schauspieler und Musiker David Hess, der im Film den Kriminellen Krug Stillo verkörpert, nicht nur den Soundtrack zum Film beisteuerte, sondern später auch die englischen Skripte für die deutschen Filmemacher Rainer Werner Fassbinder und Peter Schamoni verfasste.

Craven inszeniert seinen Film im Kosmos des popkulturellen Amerikas der 70er Jahre, das sich an der Schwelle eines Umwälzungsprozesses befindet, bei dem das etabliert konservative Weltverständnis einer Industriekultur auf ein entfesseltes Emanipationsbegehren einer anti-patriachalischen Subkultur trifft: die Stichwörter heißen Sex, Drugs & Rock'n'Roll, aber auch Vietnam. Während die hoffnungslos überforderte Staatsmacht in Cravens Film den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und permanent am Geschehen vorbeifährt, sieht sich auch die aufstrebende Flower Power in ihrer klaren Verletzlichkeit hilflos mit dem Weltgeschehen konfrontiert: Mari und Phyllis sind in ihrer eindeutig gutgemeinten Naivität dem natürlichen Treiben hilflos ausgeliefert. Brutalität, Gewalt und Sinnlosigkeit wuchern an der Seitenstrasse in einem x-beliebigen Hauseingang. Alles was bleibt, ist ein Universum aus Gewalt und Gegengewalt. Rape and Revenge. Woodstock konnte die Existenz von Vietnam niemals wegstreichen.

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Das bemerkenswerte an Cravens Film ist, dass die gezeigte und erfahrene Gewalt hauptsächlich grundlos wuchert und dadurch keine sinnstiftende Berechtigung findet. Sie besteht felsenfest und die Figuren sind ihr unweigerlich ausgesetzt. Und in dieser Konfrontation verlieren sie allesamt ihre Persönlichkeit: entweder, indem sie in diesem mitreißenden Strudel tödlich untergehen, oder dass sie selbst zu unberechenbaren Tätern werden. Die erste Variante zeigt sich auf erschütternde Weise in einer der bemerkenswertesten Filmszenen überhaupt, wenn Phyllis dazu genötigt wird, sich vor versammelter Mannschaft in die Hosen zu pinkeln: „Piss your pants!“ Und in ihrem sehnsüchtigen Wunsch nach nacktem Überleben tut sie es wie ein kleines Schulkind, das ihren allnächtlichen Albtraum der öffentlichen Brandmarkung durchlebt. In diesem Moment stirbt alles, was sie sich jemals an Identität und Weltverständnis aufgebaut hat. Sie verliert ihre fragile Würde und wird zum leblosen Stück Fleisch. Dagegen zeigt sich die zweite Variante im blutrünstigen Rachefeldzug der ebenso überforderten Eltern, wenn der vermeintlich gesittete Vater den Kriminellen Krug Stillo mit einer Kettensäge verfolgt und dabei unweigerlich an die Monströsität eines Leatherface aus The Texas Chainsaw Massacre erinnert. Das kultivierte Spiegelbild zerbricht zum wütenden Instinkt.

Jedoch schafft es Craven im zweiten Teil des Films nicht mehr, die enorme Wirkung der vorangegangenen Geschehnisse adäquat aufrechtzuerhalten und lässt den Film eher zu einem genre-spezifischen Splatter-Rachefeldzug verkommen, der den Zuschauer emotional weit weniger stark berühren kann, da die elterliche Gewalt gegenüber den Kriminellen nun eine Daseinsberechtigung und dadurch einen Sinn findet. Hat man als Zuschauer im ersten Teil des Films noch atemlos vergessen, das angekaute Popcorn runterzuschlucken, so greift man nun genüßlicher in die Tüte. Die Handlung wirkt zunehmend gewollt und im zweiten Teil beginnt man zudem ein Verständnis für die gezeigte Gewalt aufzubauen, wodurch sie in ihrer unfassbaren Performativität abflacht und dramaturgisch konsumierbar wird. Sie bekommt eine moralische Akzeptanz. Nichtsdestotrotz gelingt es Craven zumindest auch hier einige nicht gerade uninteressante Akzente zu setzen, z.B. wenn Mari's Mutter dem Kriminellen Fred eine Fellatio anbietet, um die Gunst der Stunde zu nutzen und sich ein Stückchen von Fred's Heiligtum abzubeißen.

In Cravens Film legt sich jegliche menschliche Beziehung und liebevolle Initmität auf ein stacheliges Bett der Gewalt, was sich in einer ergreifenden Szene widerspiegelt: den beiden Mädchen werden die Kleider vom Leib gerissen und in ihrer nackten Verletzlichkeit werden sie zum lesbischen Liebesspiel gezwungen, während ihre Peiniger hämisch belustigt um sie herumstehen. Ihre offene Zärtlichkeit wird zur verschlossenen Nötigung und die einzige Möglichkeit, sich ihrer selbst zu bewahren, ist, ihr von außen aufgetragenes Schicksal zu ihrem ganz persönlichen und selbstgewollten Lebensweg werden zu lassen. Und so sagt Phyllis mit zittriger Stimme zu Mari: „It's ok. It's just you and me here. Nobody else.“

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Wes Craven betonte mehrfach die eindeutige und offengelegte Intertextualität seines Erstlingswerkes, welches sich alles in allem auf eine nicht gerade unbekannte Filmvorlage bezieht: auf Ingmar Bergmans beeindruckendes und mehrfach ausgezeichnetes Werk „Die Jungfrauenquelle“. Dabei arbeitete Bergman intermedial eine mittelalterlich skandinavische Vorlage zu einem wortkargen, aber bildgewaltigen Filmwerk um, das in typischer Bergman-Manier dezent, aber schonungslos direkt eine Geschichte über Unschuld und Rache erzählt. Cravens Erstlingswerk ist nun leider anzumerken, dass es seine Vorlage mehrfach kopiert, statt sie angemessen zu transformieren. Wenn z.B. Mari im Wald brutal vergewaltigt wird und sich die Kamera dabei unangenehm nah an die unliebsam zusammengepressten Gesichter anschmiegt und der Situation damit eine so unglaublich unerträgliche Ehrlichkeit verleiht, wie man sie schonungsloser nur aus Gaspar Noes Irreversible kennt, dann war dies leider kein exzellenter künstlerischer Handgriff aus der Feder Wes Cravens, sondern eine einfallslose Kopie Bergman'scher Inszenierungsweise. Sich an Bergman also nicht nur orientiert, sondern auch vergriffen zu haben, darf und muss man Craven ankreiden, selbst unter dem Gesichtspunkt der allgegenwärtigen Intertextualität und ihrer postmodernen Zitierfreudigkeit.


Selbst für hartgesottene Gemüter stellt der Film ein schwer verdauliches Ereignis dar und Craven unterstreicht dies mit einer dokumentarischen Inszenierungsweise, die an vielen Stellen dennoch etwas hilflos wirkt. „The Last House On The Left“ funktioniert vielfach durch seine subtilen Schockmomente, verspielt aber auch einige Möglichkeiten, vor allem durch die häufig fehlplazierten und gewollt komisch wirkenden Polizei-Sequenzen. Doch diese Feinheiten verzeiht man einem so großartigen und unvergesslichen Filmerlebnis gern. Und wenn Mari nach ihrer Vergewaltigung vollkommen traumatisiert in den See wandert, dann steht man als Zuschauer genauso fraglos überfordert und orientierungslos im Raum, wie die vier Gestalten, die ihr all das angetan haben. Und man fühlt sich schmutzig.

Anmerkung: die deutsche Version wurde um eine gute halbe Stunde gekürzt. Und das bei einem Film, der in der Originalfassung nur etwa eineinhalb Stunden dauert.

Chill-Skills:

Kult-Faktor: 10 (ein wahrer und guter Klassiker)
Psycho-Faktor: 8 (Abzüge wegen der zu häufig fehlplazierten Komik und dem schwächeren zweiten Teil)
Splatter-Anteil: 4 (ist schon bisschen was dabei)
Filmabend-mit-Freundin-Faktor: 0 (wenn man seine Freundin mag, ist der Film definitiv nix zum Kuscheln)

Eine Rezension von Martin S.
(23. Oktober 2009)
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Daten zum Film
The Last House On The Left USA 1972
Regie Wes Craven Drehbuch Wes Craven
Produktion Sean S. Cunningham Kamera Victor Hurwitz
Darsteller Sandra Cassel, Lucy Grantham, David Hess, Fred J. Lincoln, Jeramie Rain, Marc Sheffler, Gaylord St. James, Cynthia Carr
Länge 84min FSK 18
Filmmusik David Hess
Kommentare zu dieser Kritik
travisbickle TEAM sagte am 23.10.2009 um 17:17 Uhr

Der Film war auch für mich ein verstörendes Erlebnis. Leider geriet mir aber beim damaligen Ansehen die gekürzte Fassung in die Finger. Deshalb bin ich mit einer Sternchenvergabe erst mal vorsichtig...

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