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Encounters At The End Of The World

Encounters At The End Of The World

Ein Film von Werner Herzog

Die Trennung von Natur und Kultur beschreibt eine der Leitdifferenzen der Modernisierung und die Wissenschaft ist einer ihrer Träger. Sie bringt den Gegenstand hervor, der dann als Zahl, als Objekt, als Fakt in den Studien der Forscher auftaucht und unser Verständnis von Welt eine greifbare Substanz verleiht. Glaubt man dem französischen Sozialphilosophen Bruno Latour, so beruht dieses Verständnis des erkennenden Subjekts aber ausschließlich auf einer wirksamen Fiktion der Trennung zwischen Fakt und Fiktion, was ihn zur provokanten Aussage veranlasste, wir seien nie modern gewesen. Fakten sind keine Fakten, die sich einfach vom Gegenstand lösen lassen, sondern sind Produkt einer wissenschaftlichen Praxis, die weder den nüchternen Beobachter noch ihre Forschungsobjekte klinisch voneinander zu trennen vermag. Erst das, was sich uns populärwissenschaftlich als Erkenntnis zeigt, trägt die klinische Reinheit der konkreten Begriffe und Definitionen.
Von Bruno Latour zu Werner Herzog ist es kein weiter Weg: Die Möglichkeit der Erschließung des Erfahrbaren zieht sich wie ein roter Faden durch das Œuvre des Filmemachers. Bereits der unter schonungslosen Bedingungen für Regisseur und Cast entstandene Kinski-Film Aguirre – der Zorn Gottes erlaubte seinen Protagonisten keine Verschnaufpause vom aufreibenden Gang der Naturgewalten und zeigte Zivilisation erst als durch ihre unmittelbare Negation erfahrbar. Nun begibt sich Werner Herzog mit Encounters At The End Of The World
erneut an die Grenzen der nun zu postmoderner Reife gewachsenen Zivilisation, indem er dem Wissenschaftsbetrieb in der Forschungs- und Logistikstation McMurdo an der Südspitze der Antarktis über die Schultern schaut und wieder allerlei skurrile Gestalten zu Wort kommen lässt. Dabei gelingt Herzog ein eindrückliches Portrait, das die Grenzen zwischen ekstatischer Erfahrung und kühlem Fakt verschwimmen lässt. Herzog kreiert Science Fiction der ganz eigenen Art.

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Die Forschungsstation, deren Belegschaft in den Sommermonaten bis auf 1100 Bewohner ansteigt, zeigt sich dabei als dreckiger Industriekomplex, fernab der klinischen Labors des Wissenschaftsbilderbuchs – wohnen möchte man hier als Zuschauer nicht sofort. Dennoch hat sich in den unwirtlichen Verhältnissen der Insel im ewigen Eis so etwas wie eine kleine Stadt mit eigener Infrastruktur gebildet und ebenso schillernd sind die Persönlichkeiten, die Herzog vorfindet. Da gibt es den mit der Gitarre zur Mitternachtssonne auf den Dächern der Plattenbauten musizierenden Zellularbiologen, der obendrein ein begeisterter Fan trashiger Science-Fiction aus den fünfziger Jahren ist. Den schweigsamen Pinguinforscher, der unter anderem für die pointierteste Szene des Filmes sorgt, nachdem Herzog ihn fragt, ob es unter Pinguinen denn Wahnsinn gäbe. Oder den überschwänglichen Quantenphysiker, den Herzog dabei beobachtet, wie er einen Forschungsballon in die Stratosphäre entlässt, um dort die geheimnisvollen Neutrinos ausfindig zu machen.

Dabei wird schnell klar, dass der Mythos des nüchternen Wissenschaftlers unter dem entlarvenden Blick Werner Herzogs nicht lange standhält. Der abstrakte Einzeller wird zur Wiege des Lebens, die Unterwasserhöhlen unter dem Teilkontinent zur Kathedrale. Dabei schafft es Herzog mehr noch als in Grizzly Man, dass die Bilder und Deutungen sich selbst entfalten. Wenn die Protagonisten vor der Kamera minutenlang über ihre Erlebnisse berichten, schafft sich Sinn wie von selbst. Die dokumentarische Qualität zeigt sich dann nicht in einem munteren Frage-Antwort-Spiel oder einem vorstrukturierten Off-Kommentar, sondern in der kongenialen Komposition Herzogs, die trotz aller authentischen Spontaneität alles andere als zufällig wirkt und ist. Die mächtigen Choräle, die die beeindruckenden Unterwasserfahrten begleiten, tragen ebenso zu jener Fremdheitserfahrung bei, wie die atemberaubenden Panoramaaufnahmen der eisigen Wüste.

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Nach wie vor interessiert sich Herzog nicht für Fakten und wer einen klassischen Dokumentarfilm erwartet, muss von Encounters At The End Of The World enttäuscht werden. Vielmehr gelingt es dem Autorenfilmer wie vielleicht in keinem Werk zuvor, der Quintessenz der immanent ekstatischen Erfahrung filmisch auf die Fährte zu kommen. Dies ist nicht zuletzt der vorzüglichen Auswahl des Gegenstandes geschuldet, denn wo, wenn nicht in der Praxis der Wissenschaft selbst, liegt der Mythos der Trennung von Fakt und transzendenter Erfahrung offener auf dem cineastischen Seziertisch. Herzogs Blick erschließen sich hybride Welten, in denen der Mythos die Wissenschaft zu tragen hat, in denen sich kleine Einzeller unter dem Mikroskop zu religiösen Mischwesen emporschwingen und Forschungsballons zu den Agenten eines Wunsches werden, etwas greifbar zu machen, was in seiner ekstatischen Form soviel faszinierender ist und sich gar als Schöpfungsgeschichte ausformuliert: They exist, but we can’t get our hands on them, because they seem to just exist in another place. And yet without neutrinos, the beginning of the universe would not have worked, ringt der besagte Physiker um eine Erklärung. Bärenstark ist der Film dann auch vor allem dann, wenn er Sprache gegen Ästhetik kontrastiert.

Encounters At The End Of The World ist vielleicht Herzogs bester Film und ein Meilenstein des Dokumentarfilms, wenn denn Dokumentieren bedeutet, sich nicht von der modernen Trennung von Fakt und Fiktion leiten zu lassen und die Grenzen des Darstellbaren neu auszuloten. Das Herzogsche Dokument zeigt sich dann fernab jeglicher Vorabdefinition des Gegenstandes darin, das Material die Komposition leiten zu lassen. Wenn man wie Carsten Baumgardt auf filmstarts.de danach fragt, an welche Orte sich Herzog als nächstes begeben müsste, dann ließe sich ohne schlechtes Gewissen antworten: Das Ende der Welt stellt sich gleichzeitig als eine Grenze des filmisch Machbaren dar. Eine Grenze, die Dokument und Fiktion einfängt und unauflösbar ineinander aufgehen lässt. Dann ist es auch gar nicht mehr nötig, den Regisseur in den Weltraum zu schießen, denn pointierter als in Encounters At The End Of The World kann man Science Fiction – oder müsste man Science/Fiction sagen? – nicht inszenieren.

Eine Rezension von Florian Schulz
(06. November 2009)
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Daten zum Film
Encounters At The End Of The World Kanada, USA, Deutschland 2007
(Encounters At The End Of The World)
Regie Werner Herzog Drehbuch Werner Herzog
Produktion Henry Kaiser Kamera Peter Zeitlinger
Länge 99 Minuten FSK
Filmmusik Henry Kaiser, David Lindley
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