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Die letzten Amerikaner

Die letzten Amerikaner

Ein Film von Walter Hill

(USA, 1981)



"I count the corpses on the left, I think I'm not so tidy / So I better get away, better make it today"
(David Bowie, "Running Gun Blues")


"There's supposed to be a river here...”



Als am 30. April 1975 der letzte Hubschrauber vom Dach der US-Botschaft in Saigon abhob und unzählige Vietnamesen den einrückenden Vietkongsoldaten überließ, begann die Agonie. Der Krieg, den die USA durch die Hintertür begann, fand zwei Wochen nach dem Einmarsch der Roten Khmer in Kambodscha ein schäbiges, lautloses Ende. Seitdem spukt Vietnam in den Köpfen und Kinos herum. Als Symbol der eigenen Verwundbarkeit. Als naturalistische Gewaltstudie (Platoon (1986), Born On The Fourth Of July (1989), Hamburger Hill (1987)). Als melodramatische Heimkehrergeschichte (Coming Home (1978), The Deer Hunter (1978), First Blood (1982)). Als halb-verschlüsselte Anklage (Apocalypse Now, 1979)). Oder als die Wirklichkeit leugnender Fetisch patriotischer Allmachtsphantasien (Rambo). Auch mal als Möglichkeit eines Lachens (Good Morning Vietnam (1987)).

Als Walter Hill Southern Comfort (Die letzten Amerikaner) drehte, war der Krieg gerade mal fünf Jahre vorbei und so richtig drüber sprechen wollte man im Kino immer noch nicht. Er wählte den Königsweg der Analogie. Und erschuf ein starkes Stück Actionkino mit V
erstand. 'Pure american gothic'. (RadioTimes)

Hill, der bereits großartige Spannungsfilme drehte (Driver (1978), The Warriors (1979)) und mit Alien (1979) ein meisterliches Drehbuch schrieb, setzte eine Gruppe Reservesoldaten in den Sümpfen von Louisiana aus. Wir haben 1973. Normale Orientierungsübung. Ein zusammengewürfelter Haufen, im bürgerlichen Leben Mechaniker, Versicherungsangestellte oder Footballtrainer. Den Neuen, Bowden (Powers Boothe), können sie nicht riechen. Wirkt einen Tick zu intelligent. Nur der besonnene Spencer (Keith Carradine) steht auf seiner Seite.

Als die Truppe vom Manöver die Nase voll hat und in der Realität nichts so aussieht wie auf der Landkarte, 'borgt' man sich drei Boote, die einsam am Fluss herumliegen. Eine umstrittene Aktion, aber man ist ja müde und will nach Hause. Brown, ein großmäuliger Depp (Lewis Smith) ist es, der das Drama in Gang bringt. Als die rechtmäßigen Besitzer – Cajuns, französischstämmige Hinterwäldler - doch noch auftauchen, eröffnet er das Feuer auf sie. Platzpatronen, nur zum Spass. Aber das können die Angegriffenen nicht wissen. Und auch Einheimische vom Land verstehen keinen Spass, wenn man ihre Boote klaut und zum Dank auf sie schießt. Sie drehen den Spieß um, erschießen den Kommandeur Poole (Peter Coyote), machen Jagd auf die Resttruppe, die bald die Nerven verliert.

Denn sie finden den Weg nicht raus aus dem Sumpf, gehen sich gegenseitig an die Gurgel, nehmen einen Einheimischen (Brion James) gefangen, den sie für einen der Angreifer oder wenigstens einen Mitwisser halten. Zur Strafe jagt einer, ohne den Hauch eines Schuldbeweises, seine Hütte in die Luft. Doch die Gegenseite ist nicht untätig, sie kennt sich bestens aus. Der Body Count geht weiter. Nur Bowden und Spencer werden es bis ins nächste Dorf schaffen. Dort lädt man sie zum Tanz ein, doch auf dem Marktplatz werden schon zwei Stricke gedreht.
Die letzten AmerikanerDie letzten AmerikanerDie letzten Amerikaner
Walter Hill schaffte es, eine politische Parabel in einen Thriller zu packen, der von Weitem aussieht wie eine Mischung aus neuartigem Backwood-Horror (Wrong Turn, 2001) und John Boormans Deliverance (Beim Sterben ist jeder der Erste, 1971). Hill ist ein Beobachter, der seine Versuchsobjekte wie ein Kleingruppenforscher unter die Lupe nimmt. Aber er erklärt nichts. Er vertraut auf die Macht des bloßen Zeigens, das Moralisieren lässt er bleiben.

Es geht auch nicht um Action. Auch wenn der dämliche TV-Titel Kommando Bravo etwas anderes verkaufen will. Auch wenn der Messerkampf zwischen Bowden und dem bedrohlichen Reece (Fred Willard) etwas von einem Westernduell hat. Ballerei hin, Explosion her.

Es geht um Handlungsdynamik und Gruppenpsychologie. Um die Streitigkeiten zwischen den Männern, die sich zu handfesten Kleinkriegen entwickeln. Mit jeder Szene, mit jeder Leiche wird die Situation bedrohlicher und unkontrollierbarer. Einer von ihnen wird komplett gaga und stiert Löcher in die Leere.

Hill inszeniert dieses Kammerspiel in der Wildnis mit einer lakonischen Schärfe, in der prätentiöse Stilisierung nichts zu suchen hat. (Bis auf die Zeitlupen am Ende, die Einige dazu verleiten mehr in die Szene hinein zu interpretieren, als vermutlich da ist.)

Wer seine frühen Filme kennt wird nicht überrascht sein. Driver und The Warriors sind von ähnlicher Sprödheit, in der kein Wort zu viel gesprochen und kein Bild zu viel gezeigt wird. Auch in Southern Comfort sind selbst die Dialoge so knapp gehalten sind, dass man Understatement dazu sagen kann. Jede Szene dauert nicht eine Sekunde länger, als unbedingt nötig wäre. Auch das machte ihn zu dieser Zeit zu einem Companion von John Carpenter.

Der Sumpf ist ein grandios gewählter Schauplatz. Unwirklich, undurchdringlich, ein anderer Planet, auf dem Bowden und seine Mitstreiter fremd sind. Schlimmer noch: Sie sind Eindringlinge, Störendfriede, Feinde. Ihre Gegner bleiben unsichtbar und ungreifbar bis zum Schluss. Im Hintergrund zirpt Ry Cooders Slide-Gitarre.

Und am Schluss spielt Hill groß auf, verquickt in einer fiebrigen Montage das friedliche Dorfleben und die ausgelassenen Feste der Cajuns mit immer bedrohlicheren Anzeichen für den Showdown. Man kann fühlen, wie sehr den beiden Soldaten der Puls rasen und der Arsch auf Grundeis gehen muss.
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Es ist diese erschreckende geographische Nähe zum Konflikt, die die Brisanz des Films ausmacht. Für all die jungen Männer, die Politiker zum Kämpfen in die Fremde schickten, war Bedrohung mit Ferne assoziiert. Krieg, den gab es immer anderswo, aber nicht zu Hause. In Southern Comfort ist diese Distanz vollkommen aufgehoben.

Dabei ist es kein unbekannter Konflikt, er wurde im Angstkino des New Hollywood oft und gerne beleuchtet. Tobe Hooper hatte in Texas Chainsaw Massacre (1974) gezeigt, wie so ein Clash aussehen kann. Menschen aus der großen Stadt, die den Geist des neuen, liberalen Amerika verkörpern, treffen im Hinterland auf Eingeborene, von Modernisierungsprozessen auf's Abstellgleis geschobene Ausgestoßene. Doch bei Hill sind es Repräsentanten der US-Streitmacht, die erkennen müssen, dass sie im Zweifellsfall im eigenen Land nichts zu bestellen haben. Vor allem nicht, wenn man sich aufführt wie die Axt im Wald. Und moderne Kriegsführung und Nahkampfausbildung nützen nichts, wenn der Gegner am besten weiß, wie man sich die Natur zum Verbündeten macht.

Oriana Fallaci verglich in ihren Kriegschroniken Wir, Engel und Bestien das Drama der Amerikaner mit übereifrigen Touristen, die Jesus erst per Anwalt von Kreuz holen wollen, dann die Nägel aus seinen Armen ziehen, so dass Jesus mit den Füßen nach vorn kippt. Fallacis Schlussfolgerung lautete, die Amerikaner seien eigentlich nicht böse, sondern nur sehr ungeschickt. In Southern Comfort sind es auch Missverständnisse und fehlende Kommunikation, die die Katastrophe in Gang setzen und befeuern. Wenn der sterbende Simms (Franklyn Seales) schreit: "Wir haben doch gar nichts getan!", dann ist das nicht falsch, aber auch kaum richtig. Eine komplizierte Wahrheit in einem so einfach aussehendem Film.

Eine Rezension von Gordon Gernand
(06. August 2007)
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Daten zum Film
Die letzten Amerikaner USA 1981
(Southern Comfort)
Regie Walter Hill Drehbuch Michael Kane, Walter Hill, David Giler
Produktion EMI Films, Cinema Group, Phoenix Kamera Andrew Laszlow
Darsteller Keith Carradine, Powers Boothe, Fred Ward, Brion James
Länge 106 Min FSK ab 18
Filmmusik Ry Cooder
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