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The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Ein Film von Sidney Lumet

(USA, 1982)



"You know, so much of the time we´re lost.”



Es gibt keine öffentliche Institution, die vom Kino so sehr geliebt wird wie der Gerichtssaal. Vermutlich, weil der Zuschauer dort ein Versprechen auf ein Happy End mehr als anderswo erwarten kann. Zumindest glauben wie das immer gerne. Dass die reale Rechtssprechung viel zu oft so gar nichts mit cineastischer Gerechtigkeit zu tun haben will – geschenkt. Wir glauben an diesen Orten im Film trotzdem gerne an das Prinzip, nach dem jeder das bekommt, was er verdient.

Als Sidney Lumet das Projekt The Verdict zum ersten Mal in die Hände bekam, waren bereits Millionen Dollar geflossen, noch bevor die erste Klappe gefallen war. Das ursprüngliche Drehbuch vom renommierten Autor Dave Mamet hatte das Produktionsstudio solange umschreiben lassen, bin nichts mehr von seiner Subtilität übrig geblieben war. Robert Redford wurde die Hauptrolle angeboten, doch er wollte nicht den Charakter spielen, den Mamets Script vorsah. In der Endfassung muss es nur so von 'Streichel-den-Hund-Szenen' gewimmelt haben. Das war ein Running Gag, den sich Lumet und der befreundete Drehbuchschreiber Paddy Chayefsky ausgedacht hatten: es gibt in Filmen die Streichel-den-Hund-Szene und die Schlag-den-Hund-Szene. Damit der Zuschauer auch sofort weiß, ob er den Charakter mögen darf oder nicht. Nun ist der Anwalt Frank Galvin, um den es in dieser Geschichte geht, zwar ke
in Scheißkerl, aber auch kein strahlender Held. Und The Verdict ist nicht nur ein Gerichtsdrama, sondern auch eine psychologische Entwicklungsgeschichte.

Also klingelte man in unmittelbarer Nachbarschaft bei Paul Newman. Er und Lumet kannten sich aus alten Fernsehtagen. Newman brachte nicht nur das politische Rüstzeug mit, um die Rolle eines couragierten Einzelkämpfers zu spielen; immerhin war er aktiver Liberaler und landete auf Nixons berüchtigter Feindesliste als einziger Kunstschaffender auf einem respektablen 19. Platz (was er immer als Auszeichnung ansah). Lumet brachte Newman auch dazu, sich vollkommen mit seiner Rolle zu identifizieren, so wie er es schon bei Al Pacino in Dog Day Afternoon (Hundstage, 1975) oder Sean Connery in The Offence (Sein Leben in meiner Gewalt, 1972) geschafft hatte. Und diese Aufgabe war nicht ohne.

The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die WahrheitThe Verdict - Die Wahrheit und nichts als die WahrheitThe Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
Frank Galvin ist ein heruntergekommener Rechtsanwalt und Trinker, der vom Leben nichts mehr erwartet. Apathisch und abwesend. Lumet und Newman brauchen nur einige Einstellungen und so gut wie keine direkten Worte, um das begreiflich zu machen. Er steht allein am Flipperautomaten und stiert ins Leere. Sitzt traurig an der Bar und stiert ins Leere. Selbst wenn er sich auf fremde Beerdigungen schleicht, um dort armen, trauernden Hinterbliebenen seine Visitenkarte unterzujubeln, scheint er abwesend zu sein – und ins Leere zu stieren. Sein Büro ist so karg wie sein Innerstes. Als sein Freund Mickey (Jack Warden) ihm einen Erfolg versprechenden Fall zuspielt, liegt er nach einer durchzechten Nacht auf dem Boden.

In diesem Fall geht es um eine junge Frau, die bei einer Routineoperation in einem katholischen Krankenhaus ins Koma gefallen ist. Gesund werden wird sie nie wieder. Ihre Verwandten wollen einen Vergleich aushandeln, um wenigstens die Behandlungskosten zu decken. Als Frank sie auf der Station besucht, scheint es ihn zum ersten Mal zu packen. Stück für Stück zieht es ihn mehr in diesen Fall hinein, und es sieht so aus, als wenn mit jeder einzelnen Szene seine emotionale Beteiligung wächst. Als ihm ein Gutachter bestätigt, dass es sich bei diesem Unfall um Ärztepfusch handelt, wittert Frank einen Erfolg. Er schlägt das von der Gegenseite angebotene Geld (ohne Zustimmung seiner Mandanten) aus.

Frank beginnt ein klassisches David-gegen-Goliath-Spiel, das er, im Grunde, nicht gewinnen kann. Zu seinen Gegnern gehören nicht nur zwei hoch geachtete Ärzte und die katholische Erzdiözese, der eine Klage gegen ihr Krankenhaus selbstredend nicht in den Kram passt. Sein Gegenspieler im Gerichtssaal ist der gefürchtete Starverteidiger Ed Concannon (James Mason). Ein Anwaltsschwein, wie es im Buche steht. Der alles und jeden verteidigt, wenn das Honorar stimmt. Verfügt über ein weitreichendes Netzwerk, das ihm sogar Kontakte zur Presse sichert. Diese Machtverhältnisse hat Lumet mustergültig in Szene gesetzt: Frank und Mickey hocken in einem kleinen Büro und wälzen mühsam Akte für Akte; Don Quijote-Kämpfer in aussichtsloser Mission. Concannon versammelt eine Armada an Anwälten und Mitarbeiten um einen schweren, massiven Tisch in einem rieseigen, Licht durchfluteten Saal. Eine Art juristischer War Room. Er geht mit den beklagten Ärzten ihre Zeugenaussagen durch, denn auch Mimik und Tonfall wollen minutiös geprobt sein. Er lässt in den hiesigen Zeitungen Gefälligkeitsartikel über das beklagte Krankenhaus platzieren. Immer wieder huscht ein süffisantes, siegreiches Lächeln über die Lippen des gesamten Teams. So sehen übermächtige Schurken aus, die sich die Hände reiben ob der bevorstehenden Zerschmetterung des Gegners. Ach ja, als ob das noch nicht reicht: der zuständige Richter Hoyle (Milo O´Shea) macht keinen Hehl aus seiner Parteilichkeit für die Erzdiözese.

Frank Galvin bekommt das volle Unglücksprogramm ab. Sein sicher geglaubter Sachverständiger wird von Concannon bestochen und verschwindet auf Nimmerwidersehen. Sein Ersatz, ein 74-jähriger Hausarzt, entpuppt sich fachlich als Null. Eine Krankenschwester, die an dem Unfallabend zum Einsatzteam gehörte, aber merkwürdigerweise keine Aussage gemacht hat, will mit brisanten Fakten nicht rausrücken. Auch die hübsche und mysteriöse Laura Fischer (Charlotte Rampling), die Frank in einer Bar kennen gelernt und abgeschleppt hat, kann ihm nicht helfen. Mehr noch: sie will es nicht, denn sie braucht einen starken Mann, weil sie selbst nicht mehr kämpfen kann. Sie wirkt zuerst wie eine klassische Nebenfigur, die nur dazu gut ist, Newmans Bett anzuwärmen. Aber das ist sie selbstredend nicht.

The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die WahrheitThe Verdict - Die Wahrheit und nichts als die WahrheitThe Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
Sidney Lumet, der sich Gott sei Dank an Mamets Originalscript hielt, schuf eine leise und gänzlich unaufgeregt inszenierte Mischung aus Gerichtsdrama und Charakterstudie, die trotzdem fesselt und packt. Er zeigt einen aussichtslos erscheinenden Kampf des Einzelnen gegen eine gut geölte Maschine. Der Schluss, bei dem das Gute auf ganzer Linie gewinnen wird, passt sich perfekt in die amerikanische Vorstellung jenes Individualismus ein, der Berge versetzen kann. Alles in allem eine Glanzleistung, die sich leider nicht in Oscargewinne auszahlen sollte, obwohl sie in nahezu allen wichtigen Kategorien nominiert war.

Auch Paul Newman war für Hollywoods höchste Ehrenplakette nominiert, musste sich jedoch Ben Kingsley und seiner Darstellung in Richard Attenboroughs Gandhi (1982) geschlagen geben. Doch berechtigt war diese Nominierung allemal. Denn der leicht ergraute Star trägt, wenngleich von einem qualitativ hochwertigen Ensemble flankiert, den ganzen Film. Er macht eine Wandlung vom menschlichen Wrack zum stillen Helden durch, die er zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig anlegt und mit einer Körpersprache auskleidet, die jedes erklärende, psychologisierende Wort überflüssig macht. Den saufenden Verlierer nimmt man ihm genauso ab wie den verzweifelten Kämpfer oder den stillen Sieger. Gerade bei Letzterem zeigen Lumet und Newman Fingerspitzengefühl. Sie führen zum Schluss keinen strahlenden Gewinner vor, keinen wie ausgewechselt wirkenden Neugeborenen. Newman verkörpert einen Charakter, der nicht nur gegen die ganze Welt, sondern auch gegen sich selbst und seine eigenen Dämonen kämpfen muss. Und dieser Kampf brennt sich in den Habitus des Körpers ein. Die letzte finale Sequenz im Gericht macht das überdeutlich.

Frank hat endlich den Trumpf gefunden, der ihn auf die Siegerstrasse bringen kann. Nachdem er vom Richter das Wort erteilt bekommt, hockt er mehrere, äußerst lange Sekunden zusammengesunken in seinem Stuhl, die Hand an der Nasenwurzel. Wie die Staue eines angestrengten Grüblers. Seine Worte bleiben zu jedem Zeitpunkt ruhig und bedächtig. Auch das abschließende Plädoyer könnte lakonischer nicht ausfallen. Andere Regisseure hätten hier eine rhetorisch bombastische, empathische Rede platziert, ein flammendes Finale in aufdringlicher Großaufnahme. Lumet hingegen lässt Newman zuerst ganz verloren in der Totalen herumstehen, in der er sich kaum vom Rest seiner Umgebung abhebt. Erst langsam tastet sich die Kamera an sein Profil heran. Und genau so verloren klingt Frank Galvin auch. Leise, stockend, vielleicht auch ängstlich. Denn es ist auch seine ganz ureigene Angst, mit der er sich vor versammeltem Gerichtssaal entblößt. Sein Text dauert gerade einmal zwei Minuten, dann ist Schluss. Sein Appell trifft die Geschworenen genau dort, wo schon Henry Fonda vor fünfundzwanzig Jahren hinzielte und traf: in das demokratische Gewissen und Verantwortungsbewusstsein einer Zivilgesellschaft, die jene Verantwortung in die Hände von zwölf normalen Bürgern legt. Und Gerechtigkeit ist ihre Aufgabe. Eine Aufgabe, die diese zwölf Menschen in diesem Augenblick repräsentieren. „Heute sind Sie das Gesetz. Nicht irgendein Buch, oder ein Anwalt, oder einen Statue. Das sind nur Symbole…“ Ein Appell und eine geniale implizite Schmeichelei zugleich. Zum Schluss fällt das Urteil, und Newman ist vielleicht der stillste Sieger, den das Kino je gesehen hat. Es ist kein Prestigesieg, sondern ein innerer Triumph. Es geht nicht um Geld oder Ruhm, sondern darum, sich wieder im Spiegel anschauen zu können.

Dieses David-gegen-Goliath-Spiel vor Gericht sollte noch in unzähligen Produktionen kopiert werden. Leider haben all diese Adaptionen keinen Paul Newman zu bieten. The Verdict bleibt trotz seiner prototypisch anmutenden Narration ein Juwel des Genres und darüber hinaus eine zeitlose Geschichte, die von Rettung und Gerechtigkeit erzählt.

Eine Rezension von Gordon Gernand
(29. Oktober 2007)
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Daten zum Film
The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit USA 1982
(The Verdict)
Regie Sidney Lumet Drehbuch David Mamet (Screenplay), Barry Reed (Romanvorlage)
Produktion 20th Century Fox Kamera Andrzej Bartkowiak
Darsteller Paul Newman, Charlotte Rampling, Jack Warden, James Mason, Milo O'Shea
Länge 129 Min. FSK ab 6
Filmmusik Johnny Mandel
Oscarnominierungen in den Kategorien (u.a.): BESTER FILM, BESTE REGIE (Sidney Lumet), BESTE MÄNNLICHE HAUPTROLLE (Paul Newman) und BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH (Dave Mamet)
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