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Familiye

Familiye

Ein Film von Sedat Kirtan, Kubilay Sarikaya


DAS LEBEN KENNT (K)EIN HAPPY END


Was es heißt, inmitten einer Millionenstadt wie Berlin am Rande der Gesellschaft zu leben, ohne wirkliche Hilfe von außen, davon berichtet der packende Debütfilm „FAMILIYE“ ungeschönt, mit aller Härte und einem packenden Realismus, den man so doch eher in den augenscheinlichen US-Vorbildern à la Scorseses „Mean Streets“ [1973] (deutscher Titel: „Hexenkessel“) vermuten würde.


Nach Jahren im Knast kehrt Danyal (Kubilay Sarikaya) zu seinen beiden jüngeren Brüdern zurück, die nach dem Tod ihrer Eltern versuchen, in der harten Realität Fuß zu fassen. Miko (Arnel Taci), der Jüngste, gerät dabei als Spielsüchtiger immer wieder an den Rand der Legalität, während er sich nichtsdestotrotz fürsorglich um Mohammed (Muhammed Kirtan) kümmert, der am Down-Syndrom leidet. Danyal, der äußerlich Geläuterte, setzt in der Folge alles daran, seine kleine Familie gegen alle Widrigkeiten zu wappnen. Doch der Berliner Kiez ist genauso unerbittlich wie die Abwärtsspirale aus Gewalt und Liebe, die anfängt, sich allmählich immer schneller zu drehen...


„FAMILIYE“ ist mit seiner unverhohlenen Härte und den dreckigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen seiner Charaktere beileibe kein Familienfilm. Und doch liegt mit diesem Debüt ein Film vor, der den Zusammenhalt der Familie feiert, der die Hoffnung im dreckigen Sumpf einer Gesellschaft sucht, welche manche Individuen abzuschreiben scheint,
ohne an deren Schicksal interessiert zu sein. In diese schmerzende Wunde legen die Regisseure Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya ihren moralisierenden Finger, immer untermalt vom Sound und Look der Großstadt, der von Friede, Freude, Eierkuchen genauso wenig hält wie von angeberischen Breitwandpanoramen, die Schönheit suggerieren, in Wahrheit aber meilenweit an der Realität vorbeigehen. Hier, mitten in Berlin, gibt es nur Schwarz und Weiß, was Kirtan und Sarikaya auch so zeigen: Ohne Farbe, aber bestimmt nicht farblos gestaltet, bestreiten die Charaktere des Langzeitprojekts, das aus dem Kurzfilm „Verzzokkt“ aus dem Jahr 2012 hervorging, ihren Weg durch ein Leben, das, so Regisseur Sarikaya Anfang 2012 leicht pessimistisch, selbst kein Happy End kennt. Er, der er mehr oder minder auf der Straße aufgewachsen ist, weiß augenscheinlich, wovon er redet, und der Zuschauer merkte schon damals instinktiv, dass diese Jungs etwas zu erzählen haben, das unsere Beachtung verdient.


Es war der renommierte deutsche Top-Schauspieler Moritz Bleibtreu, der sich zum namhaften Förderer des Projekts aufschwingen sollte und als Produzent einstieg, weil er an die Geschichte, vielmehr jedoch an ihre Charaktere glaubte. Dieses bekannte Gesicht gab seinen Namen, damit unbekannte Namen ein Gesicht, ein Profil erhalten würden. Uneigennützig und regelrecht unsicher, ob der Film jemals das Licht der Welt außerhalb Berlins erblicken werde, vertrauten Bleibtreu und die weiteren Produzenten auf ihr Gefühl, ein ganz heißes Eisen im Feuer zu haben, das auf ungewöhnliche Weise die Perspektive in der Perspektivlosigkeit auslotet, ohne zum klischeebeladenen Rührstück zu verkommen. Vor allem aber zelebriert das Drama den Zusammenhalt einer Familie, die ungeachtet aller äußeren Umstände ihren Platz im Leben zu festigen versucht, während sich die ganze Welt gegen sie verschworen zu haben scheint. Der Weg von der Straße ins Leben führt direkt durchs Herz. Nicht das Herz einer Gesellschaft, sondern das Herz desjenigen, der erkennt, dass die Familie das wichtigste Glück auf Erden ist, das unsereins sein Eigen nennen kann.


Sicherlich mag manches an „FAMILIYE“ im Vergleich zu ungleich teureren Produktionen etwas gekünstelt und teils sogar laienhaft wirken. Doch so ist es nun mal mit dem Leben: Es folgt einem schwer vorhersehbaren Drehbuch, das in den einen Momenten Schicksalhaftes, in den nächsten aber schon wieder das pure Glück bereithalten kann. Und wir? Wir sind gewissermaßen alles Laien in einem großen Spiel, Statisten unseres eigenen Schicksals. So verkehrt sich bei dem nichtsdestotrotz versiert inszenierten Berlin-Drama die Not genau genommen in eine Tugend, wenn der Zuschauer kurzerhand das wahre, ungeschönte und ungefilterte Leben zu spüren bekommt, das während 90 Minuten von der Leinwand auf ihn eindrischt. Das muss per se keinen Spaß machen, packt den Rezipienten aber unweigerlich am Schlawittchen, während ein imaginärer Finger auf die Brust drückt, um zu konstatieren: So kann es gehen. Das Leben ist hart. Auch in einer Millionenstadt wie Berlin. Da wirkt Muhammed Kirtans Reaktion auf die Standing Ovations, die er auf der Oldenburger Premiere verdientermaßen für seine Rolle erntete, im Nachklapp fast etwas unwirklich. Doch seine unbändige Freude, gepaart mit dem frenetischen Applaus der anwesenden Gäste, zeigte eindrucksvoll, was Leben auch sein kann: nämlich ehrlich, überraschend und einfach nur schön. Ein Happy End, zumindest vor der großen Leinwand.


Fazit: Dieses kraftvolle Debüt überrascht auf vielen Ebenen.


Randnotiz: Der Film feierte am 13.09.2017 in Anwesenheit der Schauspieler und Produzenten vor mehr als 1200 Zuschauern seine umjubelte Weltpremiere auf dem 24. Internationalen Filmfest Oldenburg. Am 17.09.2017 erhielt der Film mit dem „German Independence Award“ für den besten Film den Hauptpreis des diesjährigen Festivals.



Cover: © Emre & Klein Capital Film


Eine Rezension von Stefan Rackow
(13. Dezember 2017)
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Daten zum Film
Familiye Deutschland 2017
Regie Sedat Kirtan, Kubilay Sarikaya Drehbuch Sedat Kirtan, Kubilay Sarikaya
Produktion Emre & Klein Capital Film / Lynarwood Filmproduktion / Paloma Film Kamera Sergio Gazzera, Javier Palicio
Darsteller Kubilay Sarikaya, Arnel Taci, Violetta Schurawlow, Muhammed Kirtan, Michael Hanemann, u.a.
Länge 90 Minuten FSK noch nicht bekannt
Filmmusik Xatar, Haftbefehl u.a.
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