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Gebrüder Grimm's Schneewittchen

Gebrüder Grimm's Schneewittchen

Ein Film von Michael Cohn

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Selbst Märchenbanausen dürfte die Frage der bösen Königin, welche diese an ihren Zauberspiegel richtet, und die aus einem der wohl populärsten Märchen der Grimmschen Sammlung mit dem Titel „Kinder und Hausmärchen“ stammt, oft untergekommen sein.
Schließlich ist der Stoff bereits über eine Dutzend Mal verfilmt worden. Darunter befinden sich sowohl Klassiker als auch skurrile Kuriositäten: der Stummfilm „Snow White“ (1916), Disneys erster abendfüllender Zeichentrickfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), „Schneewittchen und die sieben Gaukler“ (1962), die deutsche Erotikkomödie „Grimms Märchen vom lüsternen Pärchen“ (mit dem Alternativtitel „Schneewittchen doch ein Flittchen“) (1969), „Dornwittchen und Schneeröschen“ (1969), „Schneewittchen und das Geheimnis der sieben Zwerge“ (1992), „7 Zwerge - Männer allein im Wald“ (2004) und „7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug“ (2006).
Einige dieser Filme haben selbstredend kaum noch etwas mit dem Märchen, wie wir es kennen, gemein. Aber auch in früheren Zeiten gab es aufgrund der ausschließlich mündlichen Überlieferung und des hohen Verbreitungsgrades zahlreiche Versionen von „Schneewittchen“ in allen möglichen Varianten. Die Brüder Grimm, die es sich zur Aufgabe machten Märchen zu sammeln und zu verschriftlichen, bastelten aus den unterschiedlichen Fassungen eine ihnen am erzähltechnisch schönste erscheinende und feilten sie spra
chlich aus.

Märchen sind nun einmal nichts Statisches. Sie verändern sich immer wieder und gehen oft auf aktuelle Probleme, Fragestellungen und Trends ein, so auch der hier rezensierte Film mit dem in der deutschen Fassung fragwürdigen Titel „Gebrüder Grimm’s Schneewittchen“. Das Drehbuch modernisiert und verändert die Grimm Fassung nämlich stellenweise so sehr, dass man den deutschen Filmtitel als nicht zutreffend bezeichnen kann.
So will diese kreative Inszenierung nicht mit einem romantisch anklingenden „Es war einmal“ einsteigen, sondern zeigt uns eine von mordgierigen Wölfen verfolgte Pferdekutsche. In ihr befinden sich Friedrich Hoffman und seine hochschwangere Frau Lilliana. Die Kutsche stürzt um, „Schneewittchens“ Mutter kommt zu Tode und der geplagte Friedrich muss das Kind aus dem Leib seiner Mutter herausschneiden. Ein roter Schwall von Blut fließt in bewusster Anspielung auf die Beschreibung von „Schneewittchens“ Aussehen mit den Worten „Weiß wie Schnee, rot wie Blut“ auf den Schnee und der englische Titel „Snow White - A Tale of Terror“ (am Originaltitel wird gut ersichtlich, worauf der Film seinen Akzent setzen möchte) wird eingeblendet.
Jahre vergehen. „Schneewittchen“, die das Drehbuch gleichsam wie ihre Mutter Lilliana kurz Lilly tauft, ist zu einem verzogenen Gör herangewachsen. Als ihr Vater nach einer langen Zeit der Trauer den Entschluss fasst wieder zu heiraten, tritt die hübsche, mit magischen Kräften ausgestattete Claudia in das Leben der verwöhnten jungen Adeligen. Im Gegensatz zur Märchenvorlage wird Claudia zunächst als eine liebende und gutherzige Stiefmutter dargestellt, die Lillianas Herz zu erobern sucht. Lilly hingegen ist ein kleines Biest, das sich allerlei Sticheleien einfallen lässt, um Claudia tagtäglich daran zu erinnern, dass sie nie ihre Mutter sein wird. Zudem buhlt sie um die Aufmerksamkeit und Liebe ihres Vaters und sieht dessen zweite Ehefrau als Konkurrenz.
Als sie eine herangewachsene Pubertierende ist zieht sich Lilly das Kleid ihrer leiblichen Mutter an, tanzt mit Friedrich einen aufreizenden und anrüchigen Tanz und scheint von ihrem Vater - ganz im Sinne von Sigmund Freuds Elektrakomplex - sexuell begehrt werden zu wollen. Die hochschwangere Claudia indes ist so schockiert, dass sie eine Fehlgeburt erleidet, die ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen für immer verändern wird.
Lillianas Stiefmutter trieftet nun langsam aber kontinuierlich in den Wahnsinn ab. Plötzlich hat sie Angst vor dem Älterwerden und entwickelt eine Jugendneurose, während ihr böser Zauberspiegel ihre Seele immer mehr vergiftet. Zusammen mit ihrem Bruder, mit dem sie eine angedeutete inzestuöse Affäre hat, schmiedet Claudia schließlich einen Mordkomplott gegen Lilly.
Gebrüder GrimmGebrüder GrimmGebrüder Grimm
Wie unschwer zu erkennen ist , ist „Schneewittchen“ zutiefst postmodern, etwa wenn die sieben „Zwerge“ (bis auf einen Zwergwüchsigen sind sie das nämlich nicht) ausgestoßene Gebrandmarkte mit Vokuhila und schrägen Frisuren sind, oder die verrückte Zauberin eine wüste Dauerwelle trägt und in schräge Fantasiekostüme, die jedes hippe Girlie der 80er neidisch gemacht hätte, gekleidet ihre irrsinnigen Pläne schmiedet. Zudem gibt es viel Erotik, Blut, Kerzen, die von „Schneewittchen“ persönlich in den Augen einer bedauernswerten Hofmagd ausgelöscht werden, Satansmessen, geschändete Kreuze, dunkle Gruselsets und eine Menge Horrorelemente und Trash.
Geradezu exemplarisch für diese pluralistische Mischung der verschiedenen Genres und Stilrichtungen sind die Wiederauferstehung von Claudias verwesender Frühgeburt, und die Todessequenz der „bösen“ Stiefmutter. Hier sticht Lilliana auf den dämonischen Zauberspiegel ein aus dem hierauf Blut quillt. Claudia zuckt zusammen, sie scheint ebenfalls erstochen worden zu sein und wird zu einer alten Frau. Entsetzt betrachtet die Wahnsinnige ihr Aussehen, da birst der Spiegel und schmettert Glasscherben in ihr Antlitz. Blind und mit einem zerfetzten Gesicht torkelt die kreischende Claudia in ihrem brennenden Gemach umher, wird vom Feuer erfasst und stirbt als eine lebendige Fackel.

Gerade dieser kunterbunte Cocktail wird dem Film in der zweiten Hälfte allerdings auch zum Verhängnis. Das Drehbuch wirkt wirr und inkonsistent, und die Liebesgeschichte zwischen Lilliana und dem Ausgestoßenen Scar ist nicht nur vorhersehbar, sondern auch ziemlich überflüssig. Zudem muss Lillys effeminierter Verlobter, der klischeehaft überzeichnet ist, geopfert werden (indem er von Claudia aus dem Fenster gestoßen die Macht der Schwerkraft kennen lernt), auf dass „Prinzessin“ und Raubein am Ende zusammen kommen dürfen. Damit der Zuseher mit Lillys Versprochenem kein Mitleid empfindet, lässt ihn die Story für die ihn verführende Hexe, die er leidenschaftlich küsst, eine Schwäche entwickeln.

Im Gesamteindruck stören diese kleinen Mängel allerdings kaum, und Sigourney Weavers superbe Darstellung macht vieles wett. Wieder einmal kann die Schauspielerin ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen und gibt der gefallenen Magierin eine Seele. Egal ob sie die vorerst sensible Liebende oder die verführerische Besessene mimt, Weaver ist immer überzeugend. Sogar als potthässliches Kräuterweiblein - nur selten wurde ein ansehnlicher Star durch solch eine perfekte Maske sosehr verunstaltet - nimmt man ihr die Rolle ab.
Monica Keena als Lilliana ist eine Enttäuschung. Sie legt den ganzen Film über denselben gelangweilten und pubertierenden Gesichtsausdruck an den Tag und hat in dieser Rolle weder Ausstrahlung noch Glaubwürdigkeit. Dafür ist Sam Neill als schwacher und von Claudia unterjochter Friedrich Hoffman, der heimlich seine Tochter begehrt weil er in dieser seine verstorbene Ehefrau sieht, eine gute Wahl.

„Gebrüder Grimm’s Schneewittchen“ hat nicht mehr viel mit der dualistischen und einfacher gestrickten Märchenvorlage gemein, sind doch die Charaktere viel zu schattiert und komplex gezeichnet, und der Unterschied von Gut und Böse ist zeitweise ganz aufgehoben. In etlichen Szenen möchte man für Claudia Mitleid empfinden, während man Lilly für das was sie ihrer Stiefmutter antut zutiefst verabscheut.
Anstatt eines Märchens ist Michael Cohn ein ausgeklügelter Fantasystreifen gelungen, der trotz inszenatorischer Schwächen wie zu viel Effektgewitter und dem stellenweise billigen Look eines Fernsehfilms - man achte nur auf die Perücken sowie auf einige an Karnevalkostüme erinnernde Kleider - durch eine interessante Weiterentwicklung seiner Protagonisten und viel Phantasie den Zuseher verwöhnen wird.
Die Kleinsten jedoch sollten unbedingt von dieser Gruselgeschichte ferngehalten werden! Märchen und Horror sind zwar enge Verwandte, Kannibalismus, versuchte Vergewaltigung, erschreckende Zaubersequenzen und die grauenhafte Metamorphose Claudias werden allerdings sogar noch Erwachsene erschaudern lassen.
Gebrüder GrimmGebrüder GrimmGebrüder Grimm


Eine Rezension von Florian Friedrich
(28. Februar 2007)
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Daten zum Film
Gebrüder Grimm's Schneewittchen 1997 USA
(Snow White - A Tale of Terror)
Regie Michael Cohn Drehbuch Thomas E. Szollosi, Deborah Serra
Produktion Tom Engelman
Darsteller Sigourney Weaver, Sam Neill, Gil Bellows, Brian Glover, Monica Keena, Chris Bauer, Andrew Tiernan, Joanna Roth
Länge 100 min FSK 12
Kommentare zu dieser Kritik
Renee TEAM sagte am 20.06.2007 um 21:21 Uhr

Dies ist definitiv eine sehr gewagte Adaption. Die im wahrsten Sinne des Wortes märchenhafte Vorlage in einen mitunter regelrecht abstoßenden Horrorstreifen zu verwandeln, zeugt von Abenteuergeist und einem gewissen Hang zur Zerlegung lieb gewonnener Charaktere und Geschichten.

Was die Schauspielerleistungen angeht, stimme ich der Rezension voll und ganz zu. Der grandiosen Darstellung der bitterbösen Königin durch Sigourney Weaver, die beeindruckenden Mut zur Hässlichkeit beweist, steht das flache, um nicht zu sagen Langeweile hervorrufende Spiel von Monica Keena gegenüber. Unterschiedlicher können 2 Hauptfiguren in einem Film kaum portraitiert werden.

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