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Sommer in Orange RSS 1.0


Sommer in Orange

Sommer in Orange

Ein Film von Marcus H. Rosenmüller

Heimatfilm: Genre des Grauens, Nemesis des deutschen Films, Blockbuster des ZDF. Zwar haben sowohl Uschi Glas als auch Senta Berger ihren Ehrenplatz in meiner Filmsammlung, aber Werke dieser Art sind nun nicht unbedingt als Heimatfilme zu qualifizieren. Aber dann gibt es dann noch Marcus H. Rosenmüller. Das Arbeitstier unter den deutschen Regisseuren (seit seinem Durchbruch Wer früher stirbt, ist länger tot 2006 inszenierte er 9 Filme) dreht also fleißig Heimatfilme – mal als period piece, mal in der Gegenwart verankert – und kann damit sowohl Publikum als auch Kritiker begeistern. Und obwohl ich eigentlich weder Heimatfilme (so gar nicht) noch deutsche Filme allgemein (Ausnahmen bestätigen die Regel) sonderlich mag, können mich Rosenmüllers Filme begeistern. Auch sein vorliegender „Sommer in Orange“ vereint die Stärken des jungen Talents und hat dabei den ein oder anderen erzählerischen Kniff in der Tasche.

Deutschland in den 80er Jahren: die zwölfjährige Lili lebt zusammen mit ihrem kleinen Bruder Fabian und ihrer Mutter Amrita in einer Berliner Bhagwan-Kommune. Kommunenmitglied Siddharte – so eine Art Ziehvater der beiden Kinder und aktueller Liebhaber – erbt eines Tages einen alten Bauernhof im oberbayerischen Talbichl. Flugs
entschließen die großstädtischen Freigeister in der ländlichen Provinz ein Therapiezentrum zu eröffnen. Und natürlich prallen verschiedenste Mentalitäten aufeinander: freie Liebe vs Ehe, antiautoritäre Erziehung vs Zucht und Ordnung, Esoterik und Guru-Folgschaft vs konservativem Katholizismus sowie orangene Leinenkleider vs traditionelle Tracht...

...doch anstatt eine slapstickhafte Clash-der-Kulturen-Komödie abzuliefern, erzählt Regisseur Rosenmüller eine zarte Coming-of-Age-Geschichte, die weder in den 80ern noch im ländlichen Raum der Heimat verankert ist, sondern ein universelles Thema behandelt: die Suche eines orientierungslosen Mädchens nach Zusammenhalt, Freundschaft, Familie und Zugehörigkeit. Und nein, das ist – obwohl „Sommer in Orange“ das Label „Heimatfilm“ trägt – kein Lobgesang auf Tradition, konservative Werte und die CSU. Ganz im Gegenteil: Rosenmüllers Werk zeigt die schlechten und guten Dinge beider Seiten der Medaille, und zwinkert den Zuschauer am Ende schließlich direkt mit den Worten an, dass nun auch in den 80er Jahren sich die Zeiten in der Provinz ändern werden – und da das ein katholischer Pfarrer mit deutlicher Freude sagt, kann man davon ausgehen, dass – zumindest – Rosenmüller und seine Filmfiguren dies nicht als schlechte Entwicklung sehen. Insofern umschifft „Sommer in Orange“ einerseits flache Klamauk-Komödien, andererseits suhlt man sich nicht in kitschigem Traditionalismus und Alpenpanoramen samt Hansi Hinterseer.

Dabei nutzt der Heimatfilm einen besonders schönen, erzählerischen Trick, um eben nicht nur die Bayern unter uns anzusprechen: seine Hauptfigur ist nicht nur ein Kind (wie schon in Wer früher stirbt, ist länger tot), sondern auch noch eben nicht aus Bayern, sondern das komplette Gegenteil in Form einer freidenkenden und -erzogenen Berlinerin. So fällt dann zum einen natürlich auch die Identifizierung für das Publikum leichter (auch wenn man sich natürlich die Frage stellen kann, ob denn – zumindest momentan – so viele Nicht-Bayern Rosenmüllers sehen). Zum zweiten lässt sich das bayerische Traditionsbewusstsein aus der Perspektive einer „Fremden“ viel leichter ironisch aufbrechen, etwa wenn betont wird, wie ungemein wichtig die Mitgliedschaft in einem der örtlichen Vereine ist, um beim anstehenden Dorffest – dem Event – teilnehmen zu können. Oder natürlich auch die strengen Auslegungen der Bauvorschriften durch den erzürnten Bürgermeister, was in einer grandios lustigen Szene mündet, die die bayerische Dorfküngelei in all ihrer Pracht vorführt.

Zwar vergreift sich Rosenmüller meiner Meinung nach in der zweiten Hälfte manchmal im Ton (etwa die RAF-Episode ist zwar schönes Zeitkolorit, wirkt aber wie ein Fremdkörper durch den drastischen Stimmungswechsel), aber inszeniert ansonsten einen wunderbar zarten Film mit allerlei zu entdeckenden Facetten. Ganz offensichtlich stellt sich natürlich immer wieder die Frage: wer sind nun die wahren Spießer? Die traditionellen Bayern? Oder doch die Berliner Hippies? Die Antwort könnte sein: beide bzw. keine! Alle Parteien sehnen sich nach ihren persönlichen Werten, sei es eine erfüllte Beziehung (so Siddharta, der mit der freien Liebe doch nicht so viel anfangen kann), sei es der eigene Nachwuchs, sei es die intakte Familie, oder auch einfach – wie bei Lili – der Anschluss an eine Gemeinschaft, egal ob mit Gleichaltrigen in der Schule, mit ihren Verwandten in der Kommune, oder mit der Dofgemeinde an sich. Rosenmüller entlarvt niemanden als Spießer (na gut: Ausnahmen bestätigen die Regel, aber die Zeiten ändern sich nunmal auch in der Provinz), sondern zeigt bei allen Figuren gleichberechtiges Streben nach eigenen Zielen – jedem Tierchen sein Pläsierchen; man spart sich die Bewertung, sondern bleibt menschlich.

Insofern ist „Sommer in Orange“ großes Provinzkino. Ein Film fürs Herz, ein Film fürs Zwerchfell und ein Film zum Nachdenken. Schön gefilmt, gut gespielt, trickreich erzählt; Rosenmüller beweist wieder einmal sein Talent, und man darf sich freuen, was der Herr in Zukunft noch so auf die Beine stellen wird. Bleibt zu hoffen, dass er mit zunehmendem Erfolg seine Stärken nicht vergisst.

Eine Rezension von David Kugler
(24. Januar 2012)
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Daten zum Film
Sommer in Orange Deutschland 2011
(Sommer in Orange)
Regie Marcus H. Rosenmüller Drehbuch Ursula Gruber
Produktion Odeon Pictures Kamera Stefan Biebl
Darsteller Amber Bongard, Petra Schmidt-Schaller, Georg Friedrich, Oliver Korittke, Thomas Loibl, Heinz-Josef Braun, Bettina Mittendorfer
Länge ca. 110 Minuten FSK 12
Filmmusik Gerd Baumann
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