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Johanna von Orleans

Johanna von Orleans

Ein Film von Luc Besson

Das gottesfürchtige Bauernmädchen Johanna (Milla Jovovich), die von göttlichen Visionen erleuchtet und geplagt wird, verliert bereits im Kindesalter ihre ganze Familie an eine Truppe von mordenden, metzelnden und vergewaltigenden englischen Soldaten.
Die Stimmen, welche zu Johanna unerlässlich sprechen, werden immer drängender und befehlen ihr zum Dauphin, dem späteren Karl VII. (John Malkovich), zu gehen und ihm zur Krönung zu verhelfen. Nach einem steinigen Weg gelingt es dem naiven Mädchen den Thronanwärter zu überzeugen, der ihr hierauf Geld und Truppen zuspricht, auf dass sie Orleans befreie. Nach dem glorreichen Sieg der Jungfrau wird der Dauphin gekrönt, doch Johanna will alle Engländer aus Frankreich vertreiben und wird in die politischen Wirren und Intrigen hineingezogen. Durch den Verrat des Königs, dem die ambitionierte „Kriegerin Gottes“ zu unangenehm und gefährlich wird, gerät Johanna schließlich in die Hände der feindlichen Engländer, die sie als Gesandte des Teufels und Hexe anklagen.

Luc Bessons eigenwillige und umstrittene filmische Umsetzung einer der wohl bekanntesten Heiligenviten ist kein in sich geschlossenes Ganzes, und will wohl auch nicht als solches betrachtet werden, sondern muss stattdessen als ein ‚historisches’ Drama in drei Akten aufgeschlüsselt werden :
Akt 1) Johanna, die Heilige
Akt 2) Johanna, die besessene Kriegerin
Akt 3) Johanna, die Verrückte und große Sünderin

Während im er
sten Akt mit den Klischees der christlichen Mythologie gespielt wird, und Besson sehr von Symbolen überladene, epische Bilder, die an Märchen- und Fantasyfilme erinnern, inszeniert, geht der nicht enden wollende und langatmige zweite Akt in einen actionlastigen „Ritterfilm“ über, der sich in seiner expliziten Darstellung von Gewalt viel zu sehr selbst gefällt und immer mehr zum anspruchslosen Hollywoodfilm mutiert. Was den schlechten zweiten Teil wieder ausbügelt ist der gewaltige und ernüchternde dritte Akt, der Johannas Verrat, ihre Gefangennahme und anschließende Verhöre, den Prozess und die Verbrennung zeigt.

Wir lernen Johanna dabei, als eine sehr vielschichtige und komplexe Persönlichkeit kennen. Zunächst ist sie eine tugendhafte und gottesfürchtige Heilige, die Visionen empfängt, nichts als Gutes tun will und voller Euphorie durchs Leben geht wobei sie alles und jeden als „wundervoll“ bezeichnet. Sie strahlt vor Unschuld und Reinheit und wirkt sehr liebevoll und naiv. Diese Charakterisierung ist sehr eindimensional und einfallslos und erinnert an andere christliche Heiligentypologien.

Johanna ist allerdings auch eine erbitterte und hartnäckige Kriegerin, eine Besessene Gottes, die immer wieder wie ein Phönix aus der Asche aufersteht. Zwar ist sie stur und erbittert, geht mit ihren Feinden allerdings barmherzig um, indem sie möglichst viele ihrer Gegner verschont und sich für eine humane Kriegsführung einsetzt.

Im Schlussteil wird Johanna als Heilige vollkommen hinterfragt. Besson lässt die Jungfrau zunehmend in denn Wahnsinn abgleiten und Dustin Hoffman (die Rolle scheint nur für ihn geschrieben worden zu sein) als personifiziertes Gewissen von Johanna auftreten, welches die 19 Jährige nagend und bohrend mit unangenehmen Fragen quält. Gewissen agiert dabei wie ein Psychoanalytiker und stellt Johannas Visionen und Wunder als Autosuggestionen, Hirngespinste und Projektionen dar.
Aber auch ihre Absichten und hehren Motive werden von „Schlechtes Gewissen“ völlig in Frage gestellt, sei die „Heilige“ doch machtgierig, zu stolz und eifrig, eigensinnig und egoistisch gewesen. Die Grausamkeiten im Kampfe, an welche sie sich nicht mehr erinnern wolle, haben ihr Spaß gemacht, und sie sei in einen regelrechten Blutrausch verfallen, um ihre niederen Instinkten zu befriedigen. Sie, das kleine, unbedeutende Ding, habe sich angemaßt Gottes Willen zu durchschauen und redete sich ein, dass ein allmächtiger Schöpfer auf die Hilfe eines Bauernmädchens angewiesen sei. Johanna habe aus ganz persönlichen Rachemotiven den Engländern den Krieg erklärt, und das noch dazu unter dem Deckmantel der Heiligkeit und dem Missbrauch des Namen Gottes.
Damit ist die Volksheldin aber keine Heilige mehr, hat sie doch nach den mittelalterlichen Sündenkatalogen nichts als Todsünden begangen.

Nun wird dem Zuseher klar warum Johannas Träume und Vorhersehungen des ersten Aktes in solch irrealen und klischeehaften Bildern inszeniert wurden. Die Frage Gewissens, woher das „heilige“ Schwert gekommen sein könnte, ist der reinste Hohn. Wenn das Schwert in einem Lichtstrahl vom Himmel auf die Erde schwebt, und ein überirdischer, himmlischer Chorgesang zu vernehmen ist, dann ist das eine sarkastische Parodie auf Heiligenkult und biblische Monumentalschinken.
Im Nachhinein wird vieles erläutert, was am Anfang des Films verwunderte. So ist mir aufgefallen, dass Johanna zu Beginn wie ein auf den Kopf gestelltes Kreuz auf der Wiese liegt, und auch das Schwert selbst ein Anti-Kreuz symbolisiert. Da Besson seine Bilder gut durchdenkt, halte ich dies keineswegs für Zufall, sondern bereits für eine Vorwegnahme sowohl auf die Anklage Johanna sei eine Hexe, als auch auf ihre schweren Sünden und Vergehen.
Das persönliche Rachemotiv wird in Johannas Alptraum verdeutlicht, in dem sie noch einmal mit ansehen muss, wie ein englischer Soldat den Leichnam ihrer Schwester schändet.

Mit dieser überraschenden Wendung und Entlarvung der „Heiligen“ hat Besson, der wieder einmal beweist, dass er zu ausgezeichneten Regiearbeiten fähig ist und ein gutes Gespür für ausgefallene Drehbücher hat, sein Publikum ordentlich an der Nase herumgeführt. Wer sich vorerst über die plakative Darstellung Johannas ärgerte, wird zum Schluss natürlich hocherfreut aus dem Film gehen. Fundamentalistischeren Christen sei das Drama allerdings abzuraten, denn diese Interpretation einer Heiligenlegende ist in der Tat äußerst provokant. Der unvorhersehbare Bruch des Plots, der von einer märchenhaften Heiligenlegende zu einer Abrechnung mit naiver Heiligenverehrung und dem Heiligenkult übergeht, ist die größte Stärke des Films, wirft sie doch die Frage auf, ob eine grausame Kriegerin, die sich in politische Machenschaften und Intrigen hineinziehen lässt, überhaupt heilig gesprochen werden darf.

Im Mittelpunkt von Aufmerksamkeit und Drehbuch steht ganz Johanna, neben der alle anderen Charaktere trotz Staraufgebot verblassen. Milla Jovovich ist für die Darstellung von Bessons Jungfrau die ideale Besetzung und spiegelt diese widersprüchliche Figur in allen Facetten sehr wandlungsfähig wieder: sie ist unschuldig, rein und naiv, grausam, brutal und unnahbar, manisch, hysterisch und verrückt zugleich.
Neben den anderen Schauspielern hebt sich, abgesehen von Dustin Hoffman, noch Faye Dunaway am markantesten hervor, die als Yolande D’Aragon wie Schneewittchens böse Stiefmutter gestylt ist und richtig Furcht einflößend wirkt.

Die Visuellen Effekte und Bildkompositionen unterscheiden sich auch von Akt zu Akt. Während zu Beginn bunte, farbenprächtige Landschaftsaufnahmen dominieren, wirkt der blutige Mittelteil sehr grau, trübe, schmutzig und natürlich rot, während das Ende sehr düster gehalten ist, und die meiste Zeit schummrig ausgeleuchtet bleibt. Überraschend (nun ja, für die die 90er vielleicht doch nicht) ist der Einsatz von Synthesizer und elektronischen Geräuschen in der ansonsten doch sehr getragenen, orchestralen Filmmusik.

Besson hat ein sehr gelungenes und kontroverses Drama einer „Heiligen“, die zum hochbrisanten Politikum wurde, geschaffen, bei dem sich die zunächst klare Trennlinie von Gut (Frankreich) und Böse (England), heilig und sündhaft-profan immer mehr verwischt, bis sich herausstellt, dass alle Agierenden einschließlich der Protagonistin nur aus Selbstsucht handeln.
Der Regisseur zeichnet in „Johanna von Orleans“ ein sehr negatives Menschenbild und schneidet noch dazu die Theodizee Frage an, wobei er vieles offen und ungelöst lässt und die Möglichkeit von Wundern nie vollkommen ausschließt.
Trotz Hollywood Einflüssen hat der Film somit sehr anspruchsvolle und theologisch (wenn auch nicht historisch) hochwertige Momente.



Eine Rezension von Florian Friedrich
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Daten zum Film
Johanna von Orleans Frankreich, USA 1999
(The Messenger: The Story of Joan of Arc )
Regie Luc Besson Drehbuch Luc Besson, Andrew Birkin
Produktion Patrice Ledoux
Darsteller Milla Jovovich, Dustin Hoffman, Faye Dunaway, John Malkovich, Vincent Cassel, Desmond Harrington, Timothy West
Länge 160 min FSK 16
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