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Antichrist

Antichrist

Ein Film von Lars von Trier

von Asokan Nirmalarajah

„Lars… von… Trier…!“ entfuhr es den Lippen eines fassungslosen Zuschauers auf der Deutschlandpremiere von Antichrist (2009), dem jüngsten Werk des dänischen Filmemachers. Und als wäre mit dem pseudo-adligen Namen des provokanten Autorenfilmers schon alles gesagt was im Anschluss an die wohl brutalste, drastischste Szene des Films zu sagen wäre, ging ein zustimmendes, nervöses Lächeln durch den Saal. Nur ein Auteur wie von Trier, so der implizite Konsens des Publikums, würde einen derart verstörenden Akt der Selbstverstümmelung in einer Nahaufnahme einfangen und es dabei noch mit einem künstlerischen Anspruch legitimieren können (wie immer dieser auch aussehen mag). Dieser Wagemut des Regisseurs provozierte auch ebensoviel Abscheu wie Faszination, Entsetzen wie Bewunderung bei der internationalen Kritik als der Film im Mai dieses Jahres auf den Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere feierte. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte die Hysterie der Presse um den Film dann als ein Journalist von dem Regisseur forderte, er solle sich für seinen Film rechtfertigen, worauf von Trier erklärte, er müsse sich für nichts rechtfertigen, und gewohnt ironisch-provokativ verlauten ließ, er sei doch der beste Regisseur der Welt.

Wie die früheren Arthouse-Erfolge von Triers, der trotz (oder gerade
wegen) aller Kontroversen um die kalkulierten, aber narrativ meist organischen Tabubrüche seiner Filme zu den aufregendsten, originellsten Regisseuren der letzten zwanzig Jahre zählt, spaltet auch Antichrist die Zuschauer bislang in zwei unvereinbare Lager. Während ebenso unangenehme wie eindrucksvolle Filme wie Breaking the Waves (1996), Idioterne (1998), Dancer in the Dark (2000) und Dogville (2004) nach anfänglicher Kontroverse recht schnell als meisterhafte Filmexperimente Akzeptanz fanden, wird immer noch darüber gestritten, ob Antichrist nun der beste, weil kompromissloseste oder der schlechteste, weil unsinnigste Film des enfant terrible ist. Sieht man mal von dem Teil des Publikums ab, das vorzeitig aus den Kinosälen rannte oder gleich vor der Leinwand in Ohnmacht fiel, dann gibt es auf der einen Seite diejenigen, die in dem für von-Trier-Verhältnisse mit 100 Minuten Spielzeit relativ kurzen Film all die Elemente vereint sehen, die dem Arthouse-Film seinen schlechten Ruf als prätentiöses Feingeistkino beschert haben. Auf der anderen Seite stehen die enthusiastischen Befürworter des Films, die nur zu gerne die doch recht originelle Symbolik des Films sezieren und sich in Debatten über die verschiedenen Bedeutungsebenen des Films verlieren. Der einzige Konsens über den Film besteht momentan wohl darin, dass er eine derart ungeheure psychologische Wirkung auf seine Zuschauer ausübt, dass es einem nicht leicht fällt zu beurteilen, ob der Film nun im konventionellen Sinne ein guter, also ein interessanter und unterhaltsamer Film ist.
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Um diese Frage gleich vorweg zu beantworten: Antichrist ist kein guter Film. Aber, und das muss man ihm wohl zugute halten, er ist auch kein einfacher Film, der sich beim Zuschauer anbiedert. Es handelt sich hier um den ambitionierten und sehr mutigen Film eines immer noch sehr interessanten und spannenden Künstlers, der hier leider (oder mit voller Absicht?) am Ziel vorbeischießt. Was das Ziel des Films eigentlich ist oder ob die Frage nach einem Ziel der unkonventionellen Natur des Film überhaupt gerecht wird, ist wieder eine andere Frage. Feststellen lässt sich nur, dass die erste Hälfte von Antichrist ein langweiliges, kammerspielartiges Ehedrama ist, das in der zweiten Hälfte zu einem grotesken, absurden Psychodrama ausartet, in der sich Elemente aus der mittelalterlichen Mythologie, aus der Tierfabel und dem torture porn der letzten Jahre auf sehr irritierende Art und Weise die Hand reichen. Trotz einer beachtlichen internen Logik, die sich beim weiteren Reflektieren über den Film überraschend erhärtet, gerinnt diese sehr bedacht konstruierte Mixtur aus Versatzstücken eines konventionellen Horrorfilms und dem prätentiösen Bedeutungsanspruch eines Kunstfilms dabei nicht selten zu einer unfreiwillig komischen Parodie seiner selbst. Natürlich bestachen selbst die emotional bedrückendsten Filme von Triers stets über eine gewisse augenzwinkernde Ironie, doch der sich in seinem Anspruch und seiner Umsetzung oft widersprechende, in seiner Aussage unschlüssige Antichrist entzieht sich dem Zuschauer völlig. Ein besonders wildes, unberechenbares Erlebnis ist der Film aber allemal, vor allem in der zweiten Hälfte.
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Im Zentrum der Geschichte stehen ein Mann (Willem Dafoe) und eine Frau (Charlotte Gainsbourg), die nicht nur über überraschend wenig Persönlichkeit verfügen, sondern auch nur als „Er“ und „Sie“ im Abspann geführt werden. Zusammen bilden sie ein trauerndes Ehepaar, das ihren kleinen Sohn durch einen schrecklichen Unfall verloren hat. Während sich der rationale und scheinbar gefühlskalte Mann mit dem Verlust allmählich abfindet, wird die psychisch labile, hysterische Frau von ihrer Trauer derart zerfressen, dass sie sich ihren eigenen Tod herbeiwünscht. Der Mann beschließt seine Frau selbst zu therapieren und von ihrem Leid zu erlösen. Dafür reist er mit ihr an den Ort, vor dem sie sich am meisten fürchtet: in den Wald. Sie beziehen ihre frühere Sommerresidenz, eine Waldhütte mit dem Name „Eden“ (kein Scherz!), wo die Frau vor einem Jahr noch an einer Dissertation über mittelalterliche Hexenverfolgung arbeitete. Bald sieht sich das Paar jedoch mit Alpträumen und Wahnvorstellungen konfrontiert, die sie zu immer abwegigeren Handlungen treiben, auch an ihren eigenen Körpern…
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Was dann genau passiert kann man nicht in adäquate Worte fassen. Keine Beschreibung der diversen Sex- und Gewaltszenen, sowie Szenen der gegenseitigen Verstümmelung und Selbstverstümmelung, die sich im letzten Drittel des Films mehren, wird den unangenehm realistischen Bildern des Films gerecht. Unterstützt von der fabelhaft atmosphärischen Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle, der bereits einige der Dogma95-Filme (Festen, 1998, Dogville) fotografierte und jüngst den Oscar für seine Kameraführung in Slumdog Millionaire (2008) gewann, und dem immer wieder kehrenden klassischen Musikstück „Rinaldo, lascia ch’io pianga“ von Händel kreiert von Trier eine beunruhige, mitunter bewegende Grundstimmung, die zumindest in den ersten bedeutungsschweren Momenten des Films viel verspricht. Doch nach einer ebenso exzessiv melodramatischen wie in ihrer extremen Stilisierung sehr faszinierenden Schwarzweißsequenz und nach der wohl effektivsten Szene des Films, einer hochemotionalen Einstellung aus dem Leichenwagen des toten Kindes auf seine fassungslosen Eltern, verliert der Film jeglichen Bezug zu nachvollziehbaren menschlichen Regungen. Trotz des passionierten Spiels der zwei Hauptdarsteller, bleiben ihre mythisch überhöhten Figuren schablonenhaft, kalt und distanziert. Ihre ermüdenden Dialoge sind anstrengendes Psychogeschwätz, das zu immer kurioseren Schlussfolgerungen findet. Bis sich dann im letzten Drittel des Films eine These über „die böse Natur der Frau“ kristallisiert, die alle Vorwürfe der Misogynie zu bestätigen scheint, die von Trier für seine früheren Frauendramen einstecken musste. Doch während die Protagonistinnen aus Breaking the Waves, Dancer in the Dark und Dogville letztlich als Märtyrerinnen verstanden werden konnten, die am patriarchalen System zugrunde gehen, wenn auch nicht ohne einen letzten bitteren Triumph davonzutragen, so ist der prononcierte Selbsthass der Frauenfigur in Antichrist und das unfassbar alberne, sich als männliche Utopie gerierende Ende des Films einfach nur höchst problematisch.

Unsicher positioniert zwischen Arthouse und Horrorfilm, mag die Handlung von Antichrist zuweilen an Nicolas Roegs ähnlich gestrickten Psychothriller Don’t Look Now (1973; dt. Titel: Wenn die Gondeln Trauer tragen) erinnern. Doch Lars von Triers jüngster Film will weder Genrefans noch dem Arthouse-Publikum gefallen. Er will einfach nur schockieren und aufwühlen, vielleicht sogar zum Nachdenken anregen über das Böse in der Natur und über die "böse Natur" des Menschen. Ob ihm das gelingt scheint angesichts der sehr effektiven Schockmomente des Films vorerst irrelevant. Der Film ist also ein Unikat. Das macht ihn interessant. Der Film 'funktioniert' aber nicht. Das macht ihn ägerlich.

Eine Rezension von Asokan Nirmalarajah
(23. Juni 2009)
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Daten zum Film
Antichrist Dänemark, Deutschland, Frankreich, Polen, Schweden, Italien 2009
Regie Lars von Trier Drehbuch Lars von Trier
Produktion Zentropa Kamera Anthony Dod Mantle
Darsteller Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg
Länge 109 FSK noch unbekannt (18 empfohlen)
http://www.antichristthemovie.com/?language=en
Kinostart: 10.09.2009
Kommentare zu dieser Kritik
Bastian TEAM sagte am 23.06.2009 um 16:28 Uhr

Eine wirklich gut geschriebene Rezension! Hab den Film leider noch nicht gesehen, aber er steht sehr weit oben auf meiner Liste für dieses Kinojahr. Bin wirklich sehr gespannt, da die Meinungen hier ja sehr stark auseinanderklaffen.
Shikantaza sagte am 07.07.2009 um 15:05 Uhr

Mir gefällt die Rezension auch sehr gut und ich bin gespannt auf diesen Film wie auf keinen zweiten in diesem Jahr (Ja, noch mehr als auf "Inglorious Basterds" ;o) Was mir sehr gut an Deiner Rezension gefällt ist die deutliche Absicht, fair zu bleiben auch wenn Dir der Film gar nicht gefallen hat und zu beschreiben was vor sich geht in den hundert Minuten. Die meisten Kritiken die ich bis jetzt las fand ich total beknackt und ich hatte das Gefühl, die Schreibenden sind Lars von Trier mal wieder voll auf den Leim gegangen ;o)

Fast interessanter als die Filme sind für mich immer die Gedanken, was Lars von Trier sich mal wieder gedacht haben könnte, als er einen Film drehte, oder in welcher Gefühlswelt er sich gerade befand. Nach vielen Interviews, die ich von ihm gelesen oder auch gesehen habe, ist mein Eindruck, auf diese Fragen wird es nie eine Antwort geben, da er sich stets total künstlich gibt und wirklich alles, was er macht, von starker Ironie durchdrungen ist.

Deshalb freue ich mich schon auf "Antichrist" und die Auseinandersetzung damit und ebenfalls die Auseinandersetzung mit einem Selbst beim Anschauen des Werks.
Asokan TEAM sagte am 07.07.2009 um 20:36 Uhr

"Deshalb freue ich mich schon auf "Antichrist" und die Auseinandersetzung damit und ebenfalls die Auseinandersetzung mit einem Selbst beim Anschauen des Werks."

Und genau DAS macht den Film trotz aller Mängel, die man ihm ankreiden mag, absolut sehenswert! Freut mich, dass die Kritik genau das vermittelt, was ich während der Sichtung des Films empfand! :-)
Bastian TEAM sagte am 08.11.2009 um 00:24 Uhr

Ein eigenartiger Film, allerdings auf ganz andere Weise als erwartet. Ich hab tatsächlich damit gerechnet, dass von Trier hier das ganz grosse, emotionale Familiendrama ausbreitet und der Horror eher vereinzelt hier und da mal auftaucht.
Für mich ist ANTICHRIST zunächst (und das möchte ich gleich vorweg nehmen) nicht das erhoffte, anspruchsvolle Meisterwerk geworden, aber dafür ein extrem gut gespielter, sagenhaft atmosphärischer und streckenweise unerwartet gruseliger...Psychothriller geworden.
Stellenweise muss ich mich allerdings dem Rezensenten anschließen: Einige Elemente "funktionieren" tatsächlich nicht; so zum einen die absolut überflüssige Fuchs-Szene (ich musste dabei nichtmal lachen, sondern hab nur gedacht: "Na, dann ist das jetzt wenigstens auch schonmal raus.") und zum anderen die etwas bemühten, comichaften Gewalteinlagen am Schluss.

Ich hätte nach von Triers bekannter depressiver Phase wohl einen eindeutig nierderschmetternderen und/oder agressiveren Film von ihm erwartet...mich überrascht, dass (zumindest für mich) ANTICHRIST über weite Strecken als spannende (wenn auch teils etwas gewöhnungsbedürftig inszenierte) Psychohorror-Kost durchgeht, und im Gegensatz zum inhaltlich ähnlichen, aber ungleich schwierigeren POSSESSION gar nicht SO sperrig daherkommt.

Ich kann die doch sehr verstärkten Misogynie-Vorwürfe gegen den Regisseur zumindest anhand von ANTICHRIST nicht so recht nachvollziehen - natürlich jagt die Gainsbourg einem mit ihrer Performance teilweise echte Schauder über den Rücken, aber der wahre "Depp" im Film, der eigentlich die Situation hat eigentlich erst eskalieren lassen, ist jedoch Dafoes-Psychologen-Figur...oder besser: dessen arrogantes Ego (siehe Beginn). Es hätte gar nicht dazu kommen müssen. Der Hexen-Hintergrund soll an dieser Stelle natürlich nicht unter den Tisch gekehrt werden, aber ganz so krass wie in der Presse beschrieben, empfand ich das nicht. Es kommt aber wahrscheinlich auch darauf an, wie man selbst an den Film rangeht.

Zumindest ist das mein erster (positiver) Eindruck des Films, werde ihn mir aber wohl nochmal anschauen.

Wem ANTICHRIST gefallen hat, sollte sich übrigens den besseren, thematisch auch verwandten VINYAN nicht entgehen lassen!
Tarantino TEAM sagte am 16.11.2009 um 17:28 Uhr

Antichrist hat mir durchaus gefallen. Ein zugegeben sehr anspruchsvoller und verstörender Film, aber auch sehenswert.
travisbickle TEAM sagte am 20.01.2010 um 17:23 Uhr

Habe "Antichrist" gestern abend im Rahmen eines Filmkunst-Specials im Kino gesehen und muss der Hauptkritik essentiell widersprechen.

Zunächst halte ich "Antichrist" für einen keinesfalls langweiligen oder langatmigen, sondern zu jeder Minute fesselnden Film, der auf den ersten Blick vor allem durch die enorme Ausdruckskraft seiner Bilder und die erdrückend dichte Atmosphäre zu wirken scheint, die sich wie bei "Dont look now" (der Vergleich ist durchaus angebracht) aus dem Trauerprozess und dem damit verbundenen Bestreben seiner Protagonisten, selbst stärker zueinander zu finden, heraus Bahn bricht. Wenn man den Depressionshintergrund von Triers mit einbezieht, ist der Film tatsächlich als eine Art verzweifelte Sinnsuche zu verstehen, die von einer kontinuierlich spürbaren Furcht geprägt ist - Furcht vor der Herrschaft des Bösen über das Gute (der Herrschaft des "Antichristen"); Furcht vor der sterbenden Hoffnung auf ebenjenes Gute im Menschen, die ihren Ursprung im gnadenlos scheiternden Versuch von Kommunikation zwischen zwei Menschen findet.

Furcht aber auch vor der "allmächtigen" Natur, die die Menschen für ihre Abkehr von moralischer Verantwortung und ihren Hedonismus bestraft. Der Geschlechtsakt der Eltern, während ihr Kind vom Fenstersims stürzt, kennzeichnet dabei sozusagen den "Sündenfall", nach dem nichts mehr so ist wie es einmal war. In der Holzhütte im Wald, die zwar "Eden" heißt, aber eigentlich für den Verlust des irdischen Paradieses steht, kollidiert dann die symbolische Rache der Natur mit den schweren Schuldgefühlen der Mutter, die zu Selbsthass und schließlich bis zur Selbstbeschneidung führen. Das alles geschieht innerhalb einer eigenen, erschreckend einleuchtenden "Logik", wirkt aber niemals konstruiert oder gar widersprüchlich.

Entscheidend begünstigt wird die Situation der Mutter durch ihren stark von sich eingenommenen Gatten, der seine Frau mit rational begründeten Psychiaterphrasen einlullen will, denen sie nur wenig Bedeutung beimisst ("Freud ist tot", sagt sie ihm an einer Stelle). Der Fehler des Vaters liegt nunmehr darin, dass er die im Grunde natürliche Trauer der Frau als Problem handhabt, welches es zu therapieren gilt. Dies führt bei Ihr wiederum zum Gefühl der Selbstentwertung und dem illusorischen Klammern an längst Vergangenes. Weil ER damit im Endeffekt derjenige ist, der SIE vollends um den Verstand bringt, halte auch ich den Misogynievorwurf zumindest für bestreitbar. Die Kontroversen, die aufgrund der prätentiösen Prägung des Films, sowie der Gewaltexzesse und der pornographisch anmutenden Sexszenen überall losbrachen, waren jedenfalls vorprogrammiert. Trotz des Hangs des Regisseurs zu vorsätzlicher Erregung von Aufmerksamkeit dient hier aber nichts der bloßen Effekthascherei; und die "pornographischen" Szenen sind eben doch nicht pornographisch oder voyueristisch, da es wohl kaum jemanden geben wird, der sich an diesen extremen Szenen wird ergötzen können.

Selbstverständlich ist "Antichrist" schwere Kost. Daher heißt es wohl wie so oft: Anschauen und selbst eine Meinung bilden. Dabei empfand ich das Pendeln zwischen Arthouse und Horrorfilm als gar nicht so problematisch - ehrlich gesagt fand ich die Mischung hier sogar recht interssant. Abgesehen von vielleicht eins, zwei Stellen wie z.B. dem leicht befremdlich wirkenden sprechenden Fuchs, die das insgesamt befriedigende Bild des Films etwas nach unten zogen.

Übrigens: Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg spielen ihre schwierigen Rollen beeindruckend!
Bartel sagte am 13.08.2010 um 08:14 Uhr

ANTIMIST

Kirchensteuer wird ab sofort gerne bezahlt...


Als treuer Christ war es für mich eine Pflicht dieses moderne

Märchen der Gegenwart anzuschauen. Für MOI war es nicht nur ein einfacher Kinobesuch, sondern vielmehr eine Predigt von

himmlischen Ausmaße.


Dem Priester dieses Gebetes, dieses Hohelieds,

Lars von Trier, gelingt es auf einfühlsame Weise die Geschichte vom Förster aus dem Silberwald, direkt ins 21. Jahrhunder hineinzu-preisen!


Der Plot:


Zu Beginn des Filmes kommt es gleich zum ersten "Cliffhanger", (ACHTUNG: BROILER!) als der 3jährige Sohn der ,in der Waschküche schnaxelten Eltern, sich im Basejump bemüht und eine volle Punktladung wie sie einst nur Möllemann gelang, hinlegt. Geschockt von diesem dramatischen Ereigniss beschließen die Eltern in den Wald zu fahren und die neu gewonnene Freiheit zu genießen. Abseits vom Windeln wechseln und Heia-Heia-Lieder singen, finden sie Back to Woods. Die Einsamkeit des Garten Edens bringt Sie schnell auf die Touren. Es wird gefickt was das Zeug hält!

Egal ob im Grass (KRASS!) oder unter der Wurzel (inklusive Fremdbefingerung einer kompletten Wurzelsepp-Sippschaft). Die Frau (genial Charlotte Gainsbourg) zeigt hier wer die Hosen an hat. Dafür hat man ihr auch in Cannes Einen von der goldenen Palme gewedelt. Geschickt täuscht Sie ihrem Mann (intensives, facettenreiches Spiel vom grünen Goblin Willem Dafoe) immer wieder
traumatische Anfälle vor, nur um sich ein paar Sekunden später von ihren Gatten zu begatten zu lassen.

Adam, als Dr. Ficktherapeut, hat den Braten natürlich schon längst gerochen, spielt aber bemüht mit. Dies kennt man ja schon aus der blauen Lagune, also lässt man seine Hand langsam in die Hose gleiten.Dann nimmt der Film aber eine verzaubernd und bezaubernde Wendung, als die drei Graddler (für Nicht-Franken: the three hobbos aka Obdachlose!) Spiel kommen.

Dabei handelt es um Fabelwesen so unschuldig und rein, das jeder mordgeile Förster sofort die Flinte ins Korn schmeißt. Was Bambi, Foxi, Scarecrow hier an Performances servieren hat man seit "The Good, the Bad and the Ugly" nicht gesehen. Mit ihrer einzigartigen Präsenz und unvergesslichen Dialogen spielen sie das Duo Dafoe/Gainsbourg mit autistischer NELLischen Leichtigkeit, an die Wand.

Der Clou: Die drei Graddler wurden von Gott geschickt um das sich in Ekstaserausch befindenden Pärchen wieder auf den Waldboden zurück zuholen..

Endlich nimmt der Film an Fahrt auf. Vergebens versuchen die Graddler den bunten Treiben ein Ende zu bereiten, aber Sie haben nicht mit den ausgekochten Sexpraktiken der Beiden Rammlern gerechnet.

Mit Schlägen auf den Penis und Masturbation im Erdreich pimpern sich die Beiden in den Himmel der Lust. Nun nimmt der Film wieder eine (für mich unerklärliche) Wendung.

Van Trier scheut anscheinend keine Logiklöcher und macht den bunten Treiben ein Ende: Die Frau wieder bei klaren Verstand sieht ihren Lebensabschnittsgefährten nur noch als Klotz am Bein. Dies setzt Sie sofort eindrucksvoll in die Tat um. Der Mann sieht sich nun seines Samstag-Abend Bundesliga Rituals betrogen und ergreift die Flucht. Was folgt ist eine im wahrsten Sinne des Wortes geschnittene Szene.: Eva will sich die Schaamhaare schneiden, und ungeschickt wie Frauen eben sind, gibt Sie ihren Äußeren den letzten Schliff. Auch Bambi und Co. können für Sie nichts mehr tun. Schnell wird Sie von der Waldfauna-Gang als Antichrist gebrandmarkt. So bleibt den bibeltreuen Ehemann nichts anderes übrig als dem Ganzen Zenober ein Ende zu bereiten......


Van Trier setzt hier mit bunten bewegenden Bildern einen der besten Fantasyhits der letzten 10 Jahre in Szene, und verzichtet dabei völlig auf frauenfeindliche Inhalte bzw seinem Steckenpferd.

Geschickt gelingt ihm die Grab-wanderung zwischen Romantik;- Natur- und Heimatfilm ohne dabei

den kunstpolitischen Kontext der Morderne in Frage zu stellen.

Schon heute ein Kult und Lehrfilm für alle angehenden Förster der förmlich nach einer Fotzsetzung schreit wie der Reiher im Wald.


Weiter so Lars....

10 von 10 möglichen Wolpertingern

Hochachtungsvoll,... ihr Steffen Spülzwerg
Shikantaza sagte am 13.08.2010 um 08:49 Uhr

@Bartel loves Gloria: Der tollen Rezension kann ich nichts mehr zufügen. Ich gebe dem Film ebenfalls die volle Punktzahl, wobei es mir beim Anschauen ein bisschen anders ging als dir.

Die drei Tiere im Wald haben mir Angst gemacht, und ich finde in dem Film wurde gar nicht so viel geschnackselt.

Ob es daran liegt das ich aus der Kirche ausgetreten bin?
Bartel sagte am 14.08.2010 um 00:01 Uhr

Selig sind die Anti´s im Geiste!

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