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Brainstorm

Brainstorm

Ein Film von Laís Bodanzky

1974 ist Austregésilo Carrano Bueno 17 Jahre alt, als ihm das wiederfährt, was er Jahre später in seinem Buch "Canto dos Malditos" (zu deutsch: "Gesang der Verdammten") beschreiben wird. Er ist der erste, der den Mund aufmacht; der vom Schicksal des Jugendlichen erzählt, der von einem gesunden, etwas aufmüpfigen jungen Kerl zum physischen und psychischen Wrack gemacht wurde - aus purer Eitelkeit. Er ist kein Einzelfall. Laís Bodanzky bringt in "Bicho de sete cabeças" Carranos Geschichte auf die Leinwand.

Laís Bodanzky platziert seinen Film allerdings näher an der Gegenwart: Ende der 1990er Jahre steht Braslilien mies da. Die ersten freien Wahlen nach der Militärdiktatur haben 1986 ein unerwartetes Ergebnis gebracht: Dieselben Männer kamen an die Macht, die Präsident und Selbstmörder Getúlio Vargas Ende der 50er Jahre putschten. Und hinterließen ein zweites Mal einen Scherbenhaufen. Korruption ist an der Tagesordnung; die Inflation galloppiert nicht mehr, sondern rauscht in einem Formel-1-Wagen dahin; das Einzige, was bleibt, ist der eigene Platz in der Gesellschaft. Und der wird verteidigt - mit allen Mitteln.
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Wilson de Sousa, genannt Neto, hat die falschen Freunde und die falschen Prinzipien. Zumindest wenn es nach seinem Vater geht, dem Skaten und Herumhängen nicht gerade zu Freude und Stolz gereichen. Als er in der Jackentasche seines Sohnes einen Joint findet, lockt er ihn unter einem Vorwand - einen Freund besuchen zu wollen - in die Psychiatrie. "Es ist nur zu deinem Besten", ruft er seinem Sohn hinterher, als zwei hünenhafte schwarze Pfleger ihn, den schlacksigen Jungen, vom Empfang in das Gebäude zerren. Nun ist er einer der 462 Insassen des hoffnungslos überfüllten Irrenhauses, in dem er für den Seelenfrieden seines Vaters seine "Haschischsucht" bekämpfen soll.

Ein Albtraum beginnt. Neto glaubt noch immer an ein Missverständnis, an eine Verwechslung. Doch schnell wird klar: Sein Vater hat ihn tatsächlich wegen eines Joints ins Irrenhaus verfrachtet. "Glaubst du, es war einfach, hier einen Platz für dich zu kriegen?!", herrscht dieser ihn beim ersten Besuch an. Und: "Es interessiert mich nicht, dass mein Sohn als Schlagzeile in der Zeitung auftaucht." Der seinerseits alkohol- und tablettenabhängige Arzt und Leiter des Instituts ist weniger an der Gesundung seiner Patienten als an der staatlichen Förderung interessiert. Ein Ausbruchsversuch Netos scheitert kläglich; er ist zu vollgepumpt mit Medikamenten. Die Strafe? Elektroschocks. Einzelhaft. In der Dunkelzelle. Hohn und Demütigung, wie sie schlimmer kaum auszumalen sind. Nur seine neu gewonnenen Freunde - Kranke und Irre, Drogensüchtige und Durchgeknallte - halten Neto am Leben.
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"Bicho de sete cabeças" ist das vielköpfige Ungeheuer, die Hydra aus der griechischen Mythologie. Schlägt man ihr einen Kopf ab, wachsen dafür zwei neue nach. Die Metapher greift auf mehreren Ebenen: So aussichtslos seine Lage auch scheint, ersinnt Neto doch immer neue Wege, sich gegen das ihm wiederfahrene Unrecht zu wehren. Währenddessen findet sein Vater immer neue Ausreden, um das Getane seiner Frau und sich selbst gegenüber zu rechtfertigen. Auch die Rebellion Netos gegen seinen Vater treibt, verständlicherweise, immer neue, um sich schnappende Köpfe aus. Ein weiter gefasster Ansatz lässt sich auf die Gesellschaft und politische Situation umlegen: Korruption und Inflation, Machtgier und Währungskrise greifen nicht nur in den höchsten Führungsetagen; auch Netos Ärzte, Pfleger, Betreuer sind nicht davor gefeit.

Nachdem Austregésilo Carrano Bueno seine Geschichte "Canto dos Malditos" veröffentlichte, wurde das Buch auf den Index gesetzt - auf richterlichen Befehl hin. Es ist das erste Buch, das nach (!) der Diktatur der Zensur zum Opfer fällt. 2004 neu aufgelegt, ist es nach wie vor kaum zu bekommen. Carrano selbst führte jahrelang einen beispiellosen Kampf vor Gericht. Er wurde von Psychiatern wie Spitalsleitern wegen Verleumdung verklagt - und verlor. Sollte er sich öffentlich noch einmal über die Kläger beschweren, blüht im eine saftige Strafe. Dabei ist er beileibe nicht das einzige Opfer, das den Mund aufmachte. Doch Paulo Coelho machte es etwas subtiler und verpackte seine Erfahrungen in einen Bestseller. Dessen Eltern steckten ihn in die Psychiatrie, weil er Schriftsteller statt Ingenieur werden wollte. Auch er wurde über Jahre hinweg mit Elektroschocks "behandelt" und verarbeitete das Erlebte im Roman "Veronika beschließt zu sterben". Wo Coelho die Perversion der "Therapie" tapfer umgeht, steckt Carrano den Finger tief in die Wunde. Laís Bodanzky fasst das Grauen in wackelige, blaustichige Bilder, die schockieren und mitreißen. Die musikalische Untermalung liefert Sound-Architekt Arnaldo Antunes, der als Drittel der "Tribalistas" mit Marisa Montes und Carlinhos Brown auch in Europa einem kleinen, aber feinen Publikum bekannt sein dürfte. Seine E-Gitarre kreischt mit dem Wagen um die Wette, der die Elektroschocks bringt. Rodrigo Santoro, bei uns besser bekannt aus "Lost", "300" und "Ché", spielt den Neto mit einer Intensität, die einem Schauer über den Rücken jagt. 36 nationale und acht internationale Filmpreise - unter anderem die Trophée Chopard in Cannes 2004 - sind der Lohn. Zurecht.

Eine Rezension von Anita Klingler
(03. Dezember 2009)
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Daten zum Film
Brainstorm Brasilien 2001
(Bicho de sete cabeças)
Regie Laís Bodanzky Drehbuch Luiz Bolognesi
Produktion
Darsteller Rodrigo Santoro, Othon Bastos, Cássia Kiss, Caco Ciocler, Jairo Mattos, Valéria Alencar
Länge FSK
http://bichodesetecabecas.com.br/
Filmmusik Arnaldo Antunes, André Abujamra, Zeca Baleiro
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