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Der  Adler der neunten Legion

Der Adler der neunten Legion

Ein Film von Kevin MacDonald

Der junge römische Offizier Marcus Aquila lässt sich freiwillig nach Britannien versetzen. Sein Vater führte vor 20 Jahren hier die Neunte Legion in den gefährlichen Norden, um weitere Gebiete zu erobern. Er verschwand, sämtliche 5000 Männer kehrten nie zurück, und auch die Standarte der Legion, der Adler, blieb verschollen. Marcus möchte hier zu Ruhm und Ehre kommen, um den Namen seiner Familie wieder reinzuwaschen, nachdem Gerüchte die Runde machen, sein Vater wäre desertiert. Während eines Angriffs auf seine Bastion wird er schwer verletzt und ehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen. Dies kann und will Marcus jedoch nicht auf sich nehmen: als er den britischen Sklaven Esca vor dem Tod in der Arena rettet, beschließt er, zusammen mit ihm den Adler weit hinter dem Hadrianswall inmitten des Gebietes der Feinde zu suchen...

Kevin Macdonald ist in meinen Augen einer der unterschätztesten jungen Regisseure unserer Zeit. Sein oscarprämierter „Ein Tag im September“ - eine Dokumentation über die Anschläge auf die olympischen Spiele in München – ist für mich eine der spannendsten Dokumentationen, die ich bisher gesehen habe. Viel bekannter dürfte aber „Der letzte König von Schottland“ sein, der von der Gewaltherrschaft des Idi Amin in Uganda handelt – ebenfalls mit dem Oscar ausgezeichnet, für den besten Nebendarsteller. Kaum einer kennt wohl den Namen des Schotten, gesehen haben seine F
ilme wie auch „State of Play“ aber doch so einige Zuschauer. Mit der Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuchs „Der Adler der neunten Legion“ legt er also seinen nächsten Spielfilm vor, der mit einem recht geringen Budget von knapp 25 Millionen Dollar in Schottland und Bulgarien entstand. Sowohl der Trailer dazu als auch die Besetzung der Hauptrolle mit Channing Tatum dürften verwundern, verspricht doch gerade ersterer die übliche abgedroschene Ethnokitsch-Geschichte in einer diesmal römischen Pocahontas-Version. Der Trailer vermittelt hier aber einen falschen Eindruck, der Film könnte sich zwar in diese Richtung entwickeln, vermeidet dies aber ebenso wie diverse andere Klischees die aufkommen könnten, bedient wiederrum aber doch das ein oder andere.

Fassen wir doch mal ein paar der Plotpoints zusammen, über deren Ergebnis im Film man spekulieren darf: Was geschah mit dem Adler? Was passierte mit Marcus' Vater? Ist etwas dran an den Gerüchten, dass er desertierte? Was wird hinter den feindlichen Linien zu finden sein, und wie wird sich die Beziehung der beiden Männer entwickeln? All dies und noch viel mehr sind Fragen, die man sich im Filmverlauf stellen kann – und jeder mit einigermaßen Filmerfahrung wird auf die Antworten spekulieren können. Doch Entwarnung sei gegeben: auch wenn einige Klischees erfüllt werden, bei vielen die schnell nerven könnten, geht „Der Adler der neunten Legion“ andere Wege (angemerkt sei hier auch: ich kenne die Jugendbuchvorlage nicht, insofern wusste ich einerseits nichts über die Handlung, kann andererseits aber auch nichts zu eventuellen Abweichungen sagen). Insofern kann der Film allein durch all diese offenen Handlungsstränge einiges an Spannung erschaffen, da die Fragen einerseits nicht uninteressant ist, andererseits auch nicht sonderlich erzwungen wirken und dadurch durchaus Plotrelevanz erhalten. Und ich kann nur noch einmal betonen: auf keinen Fall von dem „Avatar mit Römern“-Trailer abschrecken lassen!

Die größten Stärken des Films liegen dabei in zwei Dingen: die Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle sowie die Regie von Kevin Macdonald. Die Bilder, die die Kamera von Mantle (Oscar für Slumdog Millionär) einfängt, sind einfach sensationell. Die Drehorte in Bulgarien und den schottischen Highlands spiegeln die rauhe Natur und die düstere Zeit perfekt wider; ihre Schönheit kontrastiert sich mit dem spröden Äußeren, sowohl der Natur selbst als auch der Menschen, die in ihr leben. Braun- und Ockertöne dominieren das Bild, der Look lässt sich wunderbar als „geerdet“ beschreiben; häufiger Regen und Matsch sorgen für eine gewisse Düsterheit. Der realistische Ansatz zeigt sich auch in den Kampfszenen: diese sind schnell, hart und durchaus brutal. Abzüge gibt es hier aber auch: die Kamera ist hier oft sehr verwackelt, bzw. der Filmschnitt zu hektisch. Man sieht oft nicht was passiert, so dass die realistischen Kampftaktiken nicht immer klar erkennbar sind. Dies mag zum einen dem Realismus (das Mittendrin-Gefühl), zum anderen der Freigabe ab 12 bzw. dem PG-13 geschuldet zu sein, da man mit dieser hektischen Machart natürlich mangelnde Bluteffekte kaschieren kann. Aber nicht falsch verstehen: der Film ist brutal, die Freigabe ab 12 in meinen Augen an ihre Grenze gebracht. Da wird gekämpft, geköpft, Kehlen durchtrennt, Leute angezündet, Buben getötet und in allerlei Dialogen von Grausamkeiten jeder Couleur berichtet.

Und dann ist da natürlich noch die Regie von Kevin Macdonald. Deutlich merkt man seine Wurzeln im Genre des Dokumentarfilms diesem Streifen an. Wo ein Film wie „Avatar“ sich in ziemlich abgedroschenem Ethnokitsch suhlt, nimmt Macdonald bei den Szenen des Seelöwenstamms ein rein beobachtende Haltung ein. Er erspart sich einen Kommentar, ob nun die Römer die wahren Barbaren sind, oder vermeidet unterschwelligen Rassismus, wenn er etwa die „Wilden“ als unmenschliche Barbaren zeigen würde. Beide Völker haben ihre – durchaus kriegerischen und gewalttätigen – Traditionen, so dass der Zuschauer einen dokumentarischen Einblick in eine untergegangene Kultur erhält. Die Regie ist wie üblich eher ruhig, auf vordergründige Knalleffekte wird weitestgehend verzichtet; dass Macdonald dabei den Militarismus und das ständige Gerede von Ehre und ähnlichem auf Seiten der Römer weniger entlarvt als vielmehr einfach dokumentiert, könnte man ihm negativ anrechnen. Andererseits zeigt er aber ausreichend das damit verbundene Grauen und etwa das Barbarische der Gladiatorenkämpfe, die hier nicht im glamourösen Coloseum stattfinden, sondern in einem äußerst provinziellen Holzrondell. Vom Stil her kann man sich ihn also etwa wie „Gladiator“ vorstellen, doch Achtung: Macdonalds Film ist deutlich dreckiger, unblutiger und weniger verherrlichend als die Heldengeschichte von Ridley Scott.

Dabei ist auch die Story eines meiner Lieblingsmotive: quasi ein Roadmovie als lang angelegte Suche mit einem klar definiertem Ziel, eben den Adler der neunten Legion zu bergen und zurück nach Rom zu bringen. Viele Filme benutzen ähnliche Motive, so etwa „Töte Amigo“, „Der schwarze Falke“ oder auch „True Grit“. Und es ist kein Zufall, dass hier drei Western genannt werden, denn manchmal fühlt sich der Film auch sehr westernhaft an, nur eben im Jahre 140 nach Christus und mit Römern statt Cowboys. Auch die Entwicklung der Beziehung von Marcus und Esca bietet genügend Spielraum ohne in sonderlich erwartbaren Bahnen zu verlaufen. Allerdings kann man auf Storyseiten aber auch mehrere Kritikpunkte angeben, die ich aber nicht notwendigerweise auf die Arbeit Macdonalds zurückführen würde, sondern entweder auf Produzenten- oder Buchvorlagenseite suchen würde: da ist zum einen vor allem ein in zwei Szenen auftretender Jungpolitiker, der komplett unausgearbeitet und völlig erzwungen wirkt, und daher ein deutlicher Fremdkörper im Film ist; hier hätte man dringend mehr daraus machen sollen, oder die Rolle eben streichen. Zum Anderen ist das vielgescholtene Ende eine Erwähnung wert, dass vom Ton so gar nicht zum Rest des Filmes passen will. Ich rede hierbei nicht von der finalen Schlacht – die ebenfalls viel Kritik einstecken musste; ich halte sie jedoch für dringend notwendig, da hier durch einen sehr feinen inszenatorischen Kniff den Angehörigen des Seelöwenstamms ein menschliches Gesicht verliehen wird – sondern eben von der allerletzten Szene, die aus Spoilergründen hier aber nicht weiter ausgeführt werden soll.

Insofern halte ich „Der Adler der neunten Legion“ für einen äußerst sehenswerten Film. Macdonalds realistischer Ansatz belohnt den Zuschauer mit einer prinzipiell zwar bekannten Geschichte, die aber so einige Stereotypen umschifft und eben nicht alle bekannten Erwartungen erfüllt. Tatum in der Hauptrolle passt zwar optisch gut, aber ist nicht der größte Schauspieler; allerdings entschärft dem Vernehmen nach die deutsche Synchronisation hier so einiges, da sie den amerikanischen Akzent natürlich deutlich abfedert.

Betrachtet man verschiedene Kritiken des Films, so scheint „Der Adler der neunten Legion“ alles andere als ein guter Film zu sein. Ich persönlich sehe dies jedoch anders und spreche somit eine Empfehlung aus! Sicherlich, der Film hat vor allem gegen Ende seine Probleme, aber das schmälert den Gesamteindruck nur wenig. Vielleicht war ich auch positiv überrascht, nachdem mich unmittelbar zuvor „Black Swan“ doch ziemlich enttäuscht hat.

Wie dem auch sei: definitiv ein Tipp und eine überraschend gelungener Film!

Eine Rezension von David Kugler
(10. März 2011)
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Daten zum Film
Der Adler der neunten Legion USA, Großbritannien 2011
(The Eagle)
Regie Kevin MacDonald Drehbuch Jeremy Brock
Produktion Toledo Productions, Film4, Focus Features Kamera Anthony Dod Mantle
Darsteller Channing Tatum, Jamie Bell, Donald Sutherland, Mark Strong, Denis O'Hare
Länge ca. 114 Minuten FSK 12
Filmmusik Atli Örvarsson
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