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Gesichter des Todes

Gesichter des Todes

Ein Film von John Alan Schwartz

Die ersten Bilder zeigen eine Operation am offenen Herzen. Eine Zeitlang begleitet die Kamera ein Ärzteteam bei der Arbeit, als das Herz langsamer schlägt und ganz verstummt, verlangsamt sich das Tempo, der Bildschirm färbt sich blutrot und drei Wörter erscheinen: Faces of Death. Kaum ein anderer Filmtitel hat es weltweit zu einem solch berühmt-berüchtigten Ruf gebracht, kaum ein anderer Film steht derart einhellig für die Abgründe des Exploitation-Kinos. Seriöse Kritiker fassen ein solches Eisen nicht einmal mit der Kneifzange an, eine wissenschaftliche Aufbereitung des Films und der darauf folgenden Reihe, sowie ihrer Rezeptionsgeschichte, steht noch aus. Mehr als dreißig Jahre nach der Uraufführung dieses Kultfilms (denn das ist er im wahrsten Sinne des Wortes) erstaunt vor allem die Hartnäckigkeit, mit der er sich im Gedächtnis der Zuschauer verankert hat. Nicht nur Gorehounds werden unweigerlich angezogen von dieser dick mit Staub überzogenen Freak-Show, die sich vornimmt, ihr Publikum an die Grenzen des Erträglichen zu führen. Bis heute hat sich nicht viel geändert: Alle schimpfen über FACES OF DEATH, doch gesehen haben muss ihn doch irgendwie jeder. Nicht zu unterschätzen ist die Mythenbildung um das Gesamtwerk ebenso wie um einzelne Passagen, auf die ich unten ein wenig ausführlicher eingehen will. Ungeachtet des unproblematischen Zugangs auf jedes nur erdenkliche Videomaterial innerhalb weniger Klicks im Internet, hat sich ein Teil dieses ganz speziellen Rufs erhalte
n.

Es gilt als anerkannte Tatsache, das die MONDO CANE-Filme von Jacopetti und Prosperi die wichtigsten kinematografischen Impulse für FACES OF DEATH lieferten. Mit den exzellent bebilderten Mondos, die ein ganzes Subgenre aus der Taufe hoben, hat vorliegender Film aber nur mehr das Grundprinzip gemeinsam, anhand eines globalen Rundumschlags ein zutiefst misanthropisches Menschenbild zu transportieren. Schon Jacopetti und Prosperi gerieten ins Kreuzfeuer der Medien aufgrund der fragwürdigen Umstände, unter denen bestimmte Szenen gefilmt wurden, doch unter anderem die legendäre Selbstverbrennung eines Mönches in MONDO CANE 2 wurde nicht real abgefilmt sondern im Detail inszeniert. FACES OF DEATH weisst im Abspann darauf hin, das der moderierende Arzt lediglich von einem Darsteller mit anderem Namen gespielt wird und auch, das ein Großteil des gezeigten Materials eben nachgestellt wurde.

Der Schauspieler Michael Carr, der die Reihe bis zum einschließlich dritten Teil als moderator begleiten sollte, "spielt" den Pathologen Dr. Frances Gross. Dieser ist seit einem Traumerlebnis (das gleich zu Anfang in sehr suggestiven Bildern visualisiert wird) von der Idee des Todes fasziniert und nimmt den Zuschauer sogleich bei der Hand, und warnt vor einer unbequemen Reise. Die erste Station zeigt mumifizierte Leichen aller Altersklassen, von unruhigen Kamerafahrten und einem dröhndenen Score mit der Ästhetik des Horrorfilms eingefangen. Schon in den ersten Minuten ist für jeden halbwegs wachsamen Konsumenten ersichtlich, das der Film mit seinem vorgegaukelten Realismus lediglich cleveres Marketing betreibt und seine aufgebauscht-reißerischen Phrasen kaum selbst ernst nimmt. Den letzten irdischen Eindruck, der den oft gequält drein blickenden Gesichtern der Verstorbenen anhaftet, umschreibt Michael Carr mit ganz ähnlichen Ausführungen, für den der ebenso exploitative MARTYRS als innovative Kinokunst gefeiert wurde. Während die irritierende Sound-Collage immer psychedelischer wird, steigert sich die Geschwindigkeit der Schnitte - der Schock als Konfrontations- und Bewältigungstherapie.

Nach diesem durchaus eindrucksvollen Intro knüpft FACES OF DEATH zunächst einmal zaghaft an die Mondofilme, deren Vorbilder wiederum anthropologische Studien waren und begibt sich nach Mexiko, wo anerkannter Stier- gegen den illegalen Hundekampf gegenüber gestellt, die Absurdität einer solchen Unterscheidung heraus heben sollen. Ohne erst großen Zusammenhang zu knüpfen zappt der Film weiter zur Tierwelt am Amazonas, zu der sich auch eine lachhaft oberflächliche Auseinandersetzung mit den dort lebenden Indios gesellt. Mit dem Tod hat das nicht viel zu tun, wohl aber mit einer eigens angerichteten Paste, die zu großen Teilen aus Speichel besteht. Kaum neugierig (...hust...) geworden, befindet man sich bereits in Afrika, wo ganz kurz die Massai besucht werden. Tierschützer werden spätestens hier aussteigen denn die archaischen Schlachtmethoden und das Abzapfen des Blutes (das zur Nahrung dient, wobei die Hintergründe nicht angeschnitten werden) bleiben reduziert auf den Schockeffekt. Um einiges zynischer fällt noch die im direkten Anschluss gezeigte Schlachtung eines Huhnes auf einer amerikanischen Farm aus: den Totentanz des Tieres mit klassischer Musik zu unterlegen, ist geschmacklos und wird kaum abgefedert, wenn der Moderator sich als Vegetarierer ausgibt. Das Leid der Tiere spielt auch im weiteren Verlauf eine entscheidende Rolle - wohl auch aus der profanen Tatsache heraus, das es in diesem Bereich ein Leichtes ist, an "goriges" Material heran zu kommen, während nahezu sämtliche Szenen, in denen Menschen Schaden davon tragen, gestellt sind. Bilder aus einem US-amerikanischen Schlachthaus zum Beispiel, die den Schrecken der Massenschlachtungen drastisch vor Augen führen. Zwischen all den zappelnden Körpern, den ekelhaften Resten, dem Schmutz und den Todesquelen der Tiere wird selbst der Gestank in der Luft erahnbar. Auch die vielen Geräusche, die im Schlachthaus Alltag sind, dringen fast schon durch die Mattscheibe des Fernsehers - heute ist kaum nachzuvollziehen, welche Wirkung der Film zu seiner Entstehungszeit und vor allem auf der großen Leinwand entfalten konnte.

Besonders unschön und heftig wird es, wenn eine koschere Schlachtmethode gezeigt wird, bei der das getöte Tier in einem engen Stahlkäfig ausblutet. Auch die Aufnahmen, in der Alligatorenwilderer in einer Sumpflandschaft auf der Jagd gezeigt werden oder aber das bestialische Abschlachten von Seehunden, das allerdings auch den unangenehmen Eindruck erweckt, das einiges zumindest für die kamera arrangiert wurde. Auch wenn man wohl davon ausgehen kann, das die Tiere einen ebenso grausamen Tod gefunden hätten, wäre die Kamera nicht dabei gewesen. Nicht aller "Tier-Snuff" ist echt - eine der legendärsten Sequenzen des Films, eine Affenhirn-Mahlzeit, ist nachgestellt. In diesem relativ früh platzierten Höhepunkt zeigt sich das handwerkliche Verständnis, das John Alan Schwartz (der stets unter seinem Pseudonym Conan Le Cilaire gelistet wurde) in seinem Regiedebüt für einen emotional einbindenen Schnitt. Die Szene, in der eine Gruppe Touristen (allesamt Darsteller) in einem Restaurant einen lebendigen Affen am Tisch tötet und die Schädeldecke öffnet, ist aus heutiger Sicht vielleicht plump und bedient sich schon für damalige Verhältnisse äußerst abgedroschener Techniken. Doch entscheidend ist: die Wirkung schlägt ein, ähnlich wie die später folgende Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl markiert sie eine Schlüsselszene für den Erfolg des Films, dem die Mundpropaganda unzähliger schockierter Zuschauer den Weg zum Kult ebnete. Die zwei gezeigten Hinrichtungen (Gaskammer und Elektrischer Stuhl) muten an, wie die Enden zweier "Rape and Revenge"-Movies, sind solide gespielt und gehören zu jenen Momenten, für die das Werk in 46 Ländern verboten wurde, was seither stolz als Werbeschriftzug verwendet wird.

In einem Abschnitt über die Arbeit eines Pathologen (nicht Gross sondern ein anderer, der Moderator selbst tritt nur im Prolog und im Epilog auf, die restliche Zeit ist nur die Stimme aus dem Off zu hören) nähert sich FACES OF DEATH schon an die modernen Real-Gore-Streifen an - die Zerlegung menschlicher Leichen in Großaufnahme hat etwas sehr bedrückendes, wohl auch, weil der Pathologe sehr realistisch und damit ungerührt reagiert während er sein Handwerk ausübt. Wer sich dem Thema und seinen Bildern gewachsen fühlt, auf eine voyeuristische Sicht aber verzichten möchte, dem rate ich zu dem österreichischen Dokumentarfilm DER WEG NACH EDEN, der noch um einiges vernichtender nachwirkt als jeder noch so bösartige Mondo. Kann die bunte Kuriositätenschau rund um den Globus bis zu diesem Zeitpunkt noch dank abwechslungsreicher Montage und viel unfreiwilliger Komik überzeugen, erlahmt der Film spätestens im Schlussdrittel doch deutlich. Den ultimativen Tiefpunkt markiert dann ein langer Abschnitt über diverse Sekten und deren bizarre Riten, inklusive einem fürchterlichen letzten Beitrag, in der es metaphysischen Themen an den Kragen geht. Esoterisch verbrämtes Gerede über ein mögliches Leben nach dem Tod ist in einer auf Schock ausgerichteten Mockumentary wohl überflüssig. Sehr schön dann wiederum eine viel zu kurze Montagesequenz, in der die Zerstörung unserers Planeten durch menschliche Hand zusammengefasst wird zu hippiesken Song "Jesus doesn't live here anymore". Ein Moment der Ruhe, auf den der Film aber offensichtlich nicht vertraut, so schnell wie er von neuerlichen Kommentaren erstickt wird. Geschmacklos aber fast schon obligatorisch: Einige Ausschnitte aus Konzentrationslagern, die aus Archivmaterial bestehen und sicherlich leicht verfügbar waren. Der Abspann schließlich ist purer Sarkasmus in Verbindung mit den zuvor gezeigten Bildern, zeigt er doch malerische Landschaftsaufnahmen und vermittelt durchweg positive Impressionen, die aber auch ein wenig den faden Beigeschmack einer Belehrung mitbringen. Die letzte Szene des eigentlichen Films zeigt eine Frau, deren Schmerzen in pures Glück umschlagen, als sie ein Kind zur Welt bringt. Der Kreis des Lebens öffnet sich, und irgendwann schließt er sich wieder - ob nun durch einen Verkehrsunfall, einen Mord, eine Hinrichtung oder irgndein anderes "Gesicht des Todes".

Seinen schlechten Ruf verdankt FACES OF DEATH nicht seiner Mythenbildung sondern den profanen Aussagen, die Kommentator Michael Carr in den Mund gelegt wurden. Nahezu jedes Segment beschließt er mit einer banalen Moral, die stets so infantil und banal ausfällt, das es beinahe parodistische Züge annimmt. Ja, der Holocaust war Barbarei. Ja, Tierquälerei ist unschön, auch wenn Pelzkleidung und Nahrung dabei rauspringt. Ja, die Todesstrafe ist inhuman. Und Überraschung, Sekten nutzen schwache Persönlichkeiten für ihre Zwecke. Einen weiteren Nährwert hat keine einzige Ausführung des Films, wobei aber beachtet werden muss, das jedes Thema nur ein Ausschnitt sein soll - Anspruch auf Vollständigkeit oder seriöse Auseinandersetzung erhebt FACES OF DEATH zu keiner Zeit. Das der nur selten zynische und im Gegensatz zu etlichen Nachziehern kaum menschenverachtende Ton des Kommentars etwas anderes suggeriert, ist ein simples Stilmittel der Fake-Dokumentation und kann keineswegs mit den Ansprüchen der Macher gleichgesetzt werden. Ein Fehler, den Rezipienten des Mondo-Genres immer wieder machen und seit MONDO CANE das wohl größte Missverständnis in der Interpretation der einzelnen Vertreter. Nein, ich kann Schwartz nicht böse sein und seinem schäbigen Erstlingswerk erst recht nicht, "don't hate the player - hate the game" kann hier als gültiges Credo verstanden werden. Denn es ist das vom Tod faszinierte, nach Sensationen heischende, nimmersatte, schaulustige Publikum, das diesen kleinen und eigentlich so unbedeutenden Film zum Kult erklärt hat.

Eine Rezension von Marco Siedelmann
(25. März 2010)
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Daten zum Film
Gesichter des Todes USA 1978
(Faces of Death)
Regie John Alan Schwartz Drehbuch John Alan Schwartz
Produktion William B. James, Herbie Lee, Rosilyn T. Scott Kamera Dimetri Fermo, Michael Golden
Darsteller Michael Carr
Länge 105 Minuten FSK indiziert
Filmmusik Gene Kauer
Kommentare zu dieser Kritik
Riddick77 sagte am 30.06.2010 um 11:56 Uhr

Hello

Dieser Film und seine nachzügler sind nur eines....und zwar ZUM KOTZEN........ich steh auf Horror uns Splatter, aber so ein scheiß ??? neine Danke


Greetz

Riddick77
Mario Sidelesi TEAM sagte am 30.06.2010 um 17:27 Uhr

Kann man ja auch gerne so sehen, ich gestehe dem Film ja auch nur wenige echte Qualitäten zu. Wie sehr dieser abgehangene Schinken aber heute noch polarisiert freut mich einfach, ich finds niedlich. Und irgendwie spricht es ja auch wieder für FACES OF DEATH... ;)

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