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A Serious Man

A Serious Man

Ein Film von Joel Coen, Ethan Coen

Mit A Serious Man (2009) gelingt Joel und Ethan Coen, jenen eigenwilligen Independent-Filmemachern aus Minnesota, die seit ihrem beachtlichen Oscar-Erfolg mit dem düsteren Neo-Western No Country for Old Men (2007) und ihrem überraschenden Kassenerfolg mit der schrägen Sex-Spionage-Komödie Burn After Reading (2008) mittlerweile – und meines Erachtens irrtümlich! – zum Hollywood-Establishment gezählt werden, das, was 1972 Francis Ford Coppola mit The Godfather gelang. Wie der Italo-Amerikaner Coppola porträtieren auch die jüdisch-amerikanischen Coen-Brüder in ihrem neuen Film ein soziokulturell sehr spezifisches ethnisches Milieu innerhalb der Vereinigten Staaten. Doch während Coppola den publikumsfreundlichen Genre-Deckmantel des amerikanischen Gangsterfilms über seine seltsame ‚Familiengeschichte’ legen konnte, um mögliche interkulturelle Irritationen zwischen den italoamerikanischen Ritualen, Bräuchen und Fremdwörtern des Films und dem Publikum zu vermindern, bedienen sich die Coens bei keinem vertrauten Genrekontext, um die kulturell so fremde und doch irgendwie vertraute Handlungswelt ihres Films in all ihren sonderbaren wie charmanten Details einzufangen. A Serious Man, der zweifellos persönlichste Film der Coen-Brüder, die hier mitunter auch auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgreifen, ließe sich wohl noch grob als Komödie kategorisieren. Doch die düsteren Untertöne der tragisch-komischen Geschichte und die verzweifelte Sinnsuche des Protagonisten nehmen nicht nur witzige, sondern oft auch mysteriöse, bittere bis gar apokalyptische Züge an.
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Nicht ohne Grund basiert die Geschichte des Films – natürlich mit der Coen-typischen Ironie (man erinnere sich nur an O Brother, Where Art Thou? (2000), ihre Südstaaten-‚Adaption’ von Homers „Odyssee“) – auf dem Buch Hiob aus dem Tanach, der hebräischen Bibel. Wie jener Hiob führt auch Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) zu Anfang der Geschichte ein glückliches, zufriedenes Leben. Der Physikprofessor Gopnik steht kurz vor einer Festanstellung an seiner Universität und lebt mit seiner Familie in der jüdischen Gemeinde einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA im Jahr 1967. Doch dann beginnt alles schief zu laufen. Als wenn es Gott wie damals bei Hiob darauf abgesehen hätte, zu prüfen wie stark Gopniks Gottesglaube wirklich ist. Erst weigert sich ein besonders ambitionierter Gaststudent aus Korea (grandios: David Kang), eine schlechte Klausurnote zu akzeptieren und lässt Larry einen Geldumschlag zurück, über den sich der anständige Dozent zunächst entrüstet, dann aber erst einmal wegschließt. Daheim verlangt seine Gattin Judith (Sari Lennick), dass er sich von ihr gemäß ihres jüdischen Glaubens scheidet, weil sie sich in den benachbarten Witwer Sy Ableman (Fred Melamed) verliebt habe. Irgendjemand schreibt denunzierende Briefe über Larry an seine Universität. Larrys Bruder Arthur (Richard Kind), ein sozial zurückgebliebenes Mathematikgenie, arbeitet an einer gewinnsicheren, illegalen Formel für Glücksspiele, die das unerwünschte Interesse der lokalen Polizei weckt. Larrys Tochter spart heimlich für eine Nasenoperation und sein Sohn Danny ist weniger an der anstehenden Bar Mitzwa interessiert, als an Marihuana und Jefferson Airplane. Und dann beginnt sich auch noch die von der sexuellen Revolution beflügelte Nachbarin Mrs. Samsky (Amy Landecker) für Larry zu interessieren, der angesichts dieser Fülle an Irritationen immer mehr vom Glauben abfällt und Rat bei den lokalen Rabbis sucht…
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Wie Coppola seinerzeit die italoamerikanischen Protagonisten seiner Godfather-Filme ausschließlich mit Italoamerikanern besetzte, greifen auch die Coens, die jüngst oft mit namhaften Stars arbeiteten, hier auf eine famose Besetzung weitestgehend unbekannter jüdischamerikaner Schauspieler zurück. Dass man nur die wenigsten der talentierten Darsteller vielleicht noch vom Gesicht her kennt, mag – abgesehen von der Kulturspezifik der dargestellten Welt, in der man sich erst einmal kulturell und sprachlich zurecht finden muss – wohl die kommerziellen Erfolgschancen des Films schmälern. Doch das Ensemble von A Serious Man, gefüllt mit Theatermimen, auf Nebenrollen abonnierten Schauspielern, TV-Gesichtern und Filmdebütanten, gehört zu einer der stärksten Besetzungsriegen im schauspielerisch nicht unbedingt schwachen Oeuvre der Coens. Wie diese Mimen ihre so witzigen wie traurigen, vertrauten wie seltsamen Figuren mit Leben erfüllen, ist ein wahres Vergnügen.

A Serious Man erinnert in seiner atemberaubend eleganten Mischung aus wunderbar präziser Milieuschilderung, absurd-lustiger Komödie über den kuriosen Alltag einer jüdisch-amerikanischen Familie und mit existentiell-philosophischen Theorien durchsetztem Drama über die Lebenskrise eines durchschnittlichen Familienvaters an frühere Coen-Werke, besonders an Fargo (1996) und The Big Lebowski (1998). Der schwarze Humor, die sehr exakte Figurenzeichnung und die ziellos dahindümpelnde Dramaturgie jener Filme findet sich auch in dieser punktgenau und mit beachtlicher Souveränität erzählten Tragikomödie, die viele Fragen aufwirft und nur die wenigsten beantwortet. Am allerwenigsten die Frage nach dem Sinn des excellenten Prologs, das komplett auf Jiddisch erzählt wird und als eigenständiger Kurzfilm funktioniert. Wie so oft bei den Coens weiß man auch bei diesem Film nicht immer genau, welche tiefsinnigen Lebensweisheiten des Films man nun ernst nehmen soll oder über welche man lachen soll. Nicht selten tut man beides und schaut gleichermaßen irritiert wie fasziniert, amüsiert wie peinlich berührt auf eine Familie, die zwischen den Lebensphilosophien ihres jüdischen Glaubens und denen US-Rockbands wie Jefferson Airplane, zwischen den Praktiken des Sabbats und des Marihuanakonsums und einer Fülle von physikalisch-mathematischen und religiös-esoterischen Welttheorien pendelnd, versuchen, den amerikanischen Traum zu leben.
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A Serious Man ist nicht unbedingt einer der zugänglichsten, aber doch einer der facettenreichsten, interessantesten und anspruchsvollsten Filme der Coens. In dem atemberaubend originellen und unberechenbaren filmischen Universum der Coen-Brüder scheint letzlich wohl nur eines sicher zu sein. Wie der Vater des koreanischen Studenten in A Serious Man einmal mit ausdruckslosem Gesicht Gopnik rät: "Please, accept the mystery."

Eine Rezension von Asokan Nirmalarajah
(27. November 2009)
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Daten zum Film
A Serious Man USA 2009
Regie Joel Coen, Ethan Coen Drehbuch Joel Coen, Ethan Coen
Produktion Working Title Kamera Roger Deakins
Darsteller Michael Stuhlbarg, Michael Lerner, Adam Arkin
Länge 105 FSK 6
http://filminfocus.com/focusfeatures/film/a_serious_man/
Filmmusik Carter Burwell
Kommentare zu dieser Kritik
Filmatic sagte am 14.01.2010 um 15:06 Uhr

Als die Coen Brothers zuletzt den Oscar bekamen, bedankten sie sich, dass sie in ihrer Ecke des Sandkastens spielen dürfen. Und genau das machen sie mit A Serious Man in Höchstform. Die Tragikkomödie ist skurril, bizarr, ungewöhnlich, verschroben, anders. Für die breite Masse ist er definitiv nichts - und das ist auch gut so!

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