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23 - Nichts ist so wie es scheint

23 - Nichts ist so wie es scheint

Ein Film von Hans-Christian Schmid

„Der Film basiert auf wahren Begebenheiten“ heisst es am Anfang des Films. Was wir nun sehen werden, ist eine Interpretation der Wirklichkeit, dadurch dass reale Menschen, ihre biografischen Eckdaten, Beziehungen und Ereignisse nach einem bestimmten Muster miteinanderverbunden werden und eine eigene Realität auf der Leinwand erzeugen. Analog verhält es sich zur Hauptfigur des Films: Karl Koch kreiert sich seine persönliche Sicht auf die Welt, indem er Vorkommnisse subjektiv mustert, kombiniert interpretiert und zu einer weltweiten Verschwörungstheorie ausbaut. Was Wahrheit und was Fiktion ist, kann weder Karl über die Welt, noch der Film über Karl sagen. Alles was bleibt, ist ein Trip. Das Kino im Kopf. Und das ist Leben pur.

Deutschland in den 80er Jahren: in der Zeit politischer Brisanz kämpft der junge Karl engagiert für seine Ideale einer besseren Welt. Seit seiner Jugend ist er von dem Roman „Illuminatus“ und den darin enthaltenen Verschwörungstheorien um den Geheimzirkel der Illuminaten und deren Geheimzahl 23 begeistert. Als sein Vater stirbt und ihm ein großes Erbe hinterlässt, kauft sich Karl einen Computer und beginnt zu hacken. Dabei lernt er David kennen und durch ihre gemeinsamen Hacker-Aktionen wird schon bald der Drogendealer Pepe auf die beiden aufmerksam. Dieser macht sie mit dem schleierhaften Lupo bekannt, der die beiden unter dem Vorwand, für eine gerechtere Welt zu kämpfen, ermutigt, geheime Daten des Westens an den russischen Geheimdienst
auszuliefern. Karl und David willigen ein und finden sich schon bald in einer Welt aus Spionage, Drogen, und dem ermittelnden BKA wieder. Karl isoliert sich immer mehr von der Außenwelt und driftet in eine paranoide Welt der Verschwörungen ab, in der ihm einzig die Freundschaft zu David bleibt. Doch selbst Freundschaft kann Karl nicht retten …

Lupo: „Ihr hackt, Pepe bringts rüber.“
Karl: „Ich weiß nicht, mir geht das alles ein bisschen schnell. Wir kennen uns doch noch gar nicht richtig.“
Pepe: „Das hab ich zu meiner Freundin auch gesagt, als sie schwanger wurde.“


23 - Nichts ist so wie es scheint23 - Nichts ist so wie es scheint23 - Nichts ist so wie es scheint

Thematisch entwirft Drehbuchautor und Regisseur Hans-Christian Schmid ein breites Feld. In der Hauptfigur Karl Koch spiegelt sich die Sehnsucht nach einem geordneten Weltbild und die Angst vor dem unkontrollierbaren Chaos: Karls Kampf für eine gerechte Weltordnung steht seiner eigenen Affinität zu ebenso unbeweisbaren wie unwiderlegbaren Verschwörungstheorien gegenüber. Es geht um die Frage von Glauben und Wissen und die urmenschliche Angst, nicht alles wissen und kontrollieren zu können. Es ist die Angst vor der eigenen Ohnmacht und Begrenztheit der menschlichen Existenz, die sich in Karls Verschwörungstheorien manifestiert und aus der der grundmenschliche Minderwertigkeitskomplex, eben nicht das Maß aller Dinge zu sein, entsteht. Karl begreift sich bald nur noch als kleines Rad im großen Getriebe geheimer Mächte und sein Kampf dagegen scheint ihm irgendwann aussichtslos und bereits verloren, so dass er seine eigene Bedeutungslosigkeit damit kompensiert, der Geheimbund würde seine Gedanken benutzen und er wäre Schuld am Supergau in Tschernobyl.

Zu Beginn des Films kämpft Karl für seine Ideale, die er vor allem in individueller Freiheit, echter Freundschaft und demokratischer Gruppenstärke wiederfindet. Anfangs ist er ein selbstsicherer und standhafter Mensch, der für seine klar formulierten Prinzipien in den Tod gehen würde. Selbst als er zusammen mit David einwilligt, für den KGB Daten auszuspionieren, glaubt er noch, für eine gerechte Informationsverteilung und damit eine bessere Welt zu kämpfen. Doch Schritt für Schritt verkauft Karl sich und seine Ideale und gerät in einen Sumpf aus Sucht und Egoismus, was in seinem persönlichen Tiefpunkt gipfelt, als er für eine Fernsehsendung hackt, einzig und allein, um seine Drogenschulden zu bezahlen. Sein Kampf um Werte resultiert in einem platten Kampf um Materialien. Und ohne seine einstigen Ideale ist Karl nur noch ein Fähnchen im Wind, das kurz vor dem Einknicken steht.

Sieht sich Karl anfangs noch standhaft in eine gewisse Weltordnung und eine bestimmte Gruppe von Menschen integriert, zieht ihm seine voranschreitende Isolation von der Außenwelt mehr und mehr den Boden unter den Füßen weg. Seine alten Freunde verlassen ihn nach und nach, da sie für ihn kein Verständnis mehr aufbringen können, was vor allem an seinem neuen Lebensstil und dem permanenten Umgang mit Pepe und Lupo liegt. Während Pepe aber ehrlich versucht, eine Freundschaft zu Karl aufzubauen, die Karl jedoch nicht erwidert, gibt sich Lupo nur insofern als Freund, solange er davon profitieren kann. David bleibt Karls einzige zwischenmenschliche Bezugsperson und sein letzter Kontakt zu der Außenwelt, die ihm immer fremder und bedrohlicher wird. Nach seinem panischen Versuch, aus dem fahrenden Auto zu springen, fühlt er sich in der Umgebung seiner neuen Freunde geborgen, doch als Pepe und Lupo sich über ihn lustig machen, reißt er aus und bekommt vor David einen Heulkrampf: „Versprich mir, dass du immer bei mir bleibst. Ich hab sonst niemanden.“ David ist für Karl der letzte Strohhalm, an dem er sich festhalten kann. Ihre Freundschaft bietet für ihn die einzige Sicherheit, nachdem in seiner restlichen Welt alles verschworen und Furcht einflößend scheint.

Karl: „Egal, was passiert. Ich möchte, dass du weisst, dass unsere Freundschaft für mich immer am wichtigsten war. Denk an den Satz von Hagbard Celine: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.“

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Hans-Christian Schmid beweist vor allem ein gutes Händchen in der Besetzung der Figuren, allen voran seine Entdeckung des Theaterschauspielers August Diehl. Für Diehl war es der Beginn einer großen Filmkarriere und er spielt seine Figur des Karl Koch unglaublich mitreißend und authentisch. Karls Besessenheit artikuliert sich an Diehls pulsierender Körperoberfläche, aus der mehr und mehr die innerliche Einsamkeit und blanke Verzweiflung herausbricht, die sich letztendlich in einer enttäuschten Resignation vor dem Leben auflöst. Diese akribische Arbeit des Schauspielers an seiner Rolle zeugt nicht nur von Talent, sondern vor allem von Ehrgeiz. August Diehl lässt hier bereits das Potential zum internationalen Format erkennen und seine Weiterentwicklung zeigt, dass er sich vor den renommierten Stars dieser Welt keineswegs verstecken braucht.

Schmid zählt im aktuellen deutschen Kino zweifellos zu einem der herausragendsten und talentiertesten Regisseure, der dem derzeit überwiegenden cinematographischen Brachland unseres Heimatlandes ein künstlerisch-kreatives Gesicht mit Niveau verleihen konnte. Ihm gelingt mit „23 – Nichts ist so wie es scheint“ nicht nur ein gekonntes Handwerk, sondern auch eine persönliche Handschrift. Er schafft es, eine komplexe dramaturgische Spannung aufzubauen und grundmenschliche Themen nicht nur anzusprechen, sondern auch ernsthaft zu disktutieren, ohne dabei in Trivialitäten oder intellektuelle Ergüsse abzudriften. Eindrucksvoll zeigt er das Scheitern persönlicher Ideale und zwischenmenschlicher Beziehungen auf und beschreibt die schiere Existenzangst eines paranoiden, klaustrophobischen, einsamen, liebesbedürftigen und letztlich hoffnungslos verlorenen Menschen. Was bleibt ist eine verbrannte Leiche und viele offene Fragen.

Eine Rezension von Martin S.
(29. Mai 2009)
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Daten zum Film
23 - Nichts ist so wie es scheint Deutschland 1998
Regie Hans-Christian Schmid Drehbuch Hans-Christian Schmid, Michael Gutmann
Produktion Jakob Claussen, Thomas Wöbke Kamera Klaus Eichhammer
Darsteller August Diehl, Fabian Busch, Dieter Landuris, Jan Gregor Kremp, Stephan Kampwirth
Länge 99 min. FSK 12
Filmmusik Norbert Jürgen Schneider
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