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Arranged

Arranged

Ein Film von Diane Crespo, Stefan C. Schaefer

von Asokan Nirmalarajah

Es wundert nicht, dass das Thema der arrangierten Ehe ein stieftöchterliches Dasein im amerikanischen Mainstreamfilm fristet. Im Unterschied zu den Filmkulturen Indiens, Japans, Pakistans und Irans, von Ländern also, in denen die Heiratsvermittlung durch Dritte noch eine bedeutende Rolle spielt, findet das Kino der westlichen Welt ebenso wenig gute Gründe für moderne Konvenienzehen wie interessante dramaturgische Verwendungen für diese archaische Praxis der Partnervermittlung. Die ideologische Unvereinbarkeit des westlichen Ideals der uneingeschränkten Verwirklichung des Selbst mit der Familienloyalität und der Rücksicht des Einzelnen gegenüber der Gemeinde innerhalb traditionellerer Kulturen scheint es zu verlangen, dass im westlichen Kino die arrangierte Ehe einer Liebe(sheirat) der Protagonisten konventionell im Wege steht. Hollywood wird dabei oft historisch und plausibilisiert eine Paarfindung dieser Art mit ausschließlich ökonomischen und standespolitischen Beweggründen, wie z.B. in The Piano (1993), Shakespeare in Love (1998) und Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000). In zeitgenössischen Filmen ist die ›Gefahr‹ einer arrangierten Ehe oft die entscheidende Motivation für die Flucht rebellischer Protagonisten und Protagonistinnen aus den repressiven patriarchalen Strukturen der ethnischen
Großfamilie in die westliche Gesellschaft mit ihren weit vielfältigeren persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten, wie z.B. in den Migrantenkomödien Coming to America (1988), East Is East (1999) und Jump Tomorrow (2001) sowie dem Migrantendrama Gegen die Wand (2004). Ganz gleich ob die Figuren nun aus orthodoxen jüdischen (A Price Above Rubies, 1998; Late Marriage, 2001), muslimischen (Brick Lane, 2007) oder hinduistischen Gemeinden (Water, 2006) stammen, sie teilen alle ein Leiden an der arrangierten Ehe. Kuriose Ausnahmen bilden dagegen als Erotikthriller verkleidete Sexphantasien wie Original Sin und Birthday Girl (beide 2001), in denen Katalogehen zu intriganten Schönheiten wie Angelina Jolie und Nicole Kidman plötzlich möglich scheinen. Dass es sich bei einer arrangierten Ehe allerdings nicht immer zwingend um die versteckte Form einer Zwangsheirat handeln muss, zeigen indische Familienfilme wie Monsoon Wedding (2001) und The Namesake (2006), in denen die Entscheidung zur Ehe letztlich doch von den potentiellen Partnern selbst getroffen werden muss. In diesem filmischen Kontext bietet der sehr bescheidene und sanftmütige Independentfilm Arranged (2007) einen ebenso erfrischenden wie vielschichtigen Blick auf die komplexe Thematik am Beispiel der Heiratsvermittlung innerhalb zweier Subkulturen des heutigen New York.
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Der Film schildert die Geschichte einer Frauenfreundschaft, deren Unkonventionalität und Faszination aus dem Aufeinandertreffen gleich dreier Kulturen rührt. Rochel Meshenberg (Zoe Lister Jones) und Nasira Khaldi (Francis Benhamou) sind zwei junge Frauen Anfang 20, die zu Beginn des Films ihre neuen Stellen als Lehrerinnen einer multiethnischen Grundschule in Brooklyn antreten. Gleich bei der Begrüßung in der ersten Sitzung der Lehrkörperschaft fallen die kopftuchtragende pakistanische Muslimin Nasira und die ebenso dezent gekleidete orthodoxe Jüdin Rochel neben ihren amerikanischen Kolleginnen durch ihre kulturellen Besonderheiten auf. Die ethnische Außenseiterrolle, die die Frauen verbindet, trennt sie allerdings auch voneinander. Sowohl die traditionsverbundenen Eltern Nasiras als auch Rochels sind nicht besonders begeistert von der Freundschaft, die sich zwischen den zwei Frauen entwickelt. Zumal beide Familien momentan damit beschäftigt sind, den Töchtern zu einer arrangierten Ehe mit einem hoffnungsvollen jungen Mann aus der ethnischen Gemeinde zu verhelfen. Rochel und Nasira sehen der folgenreichen Entscheidung mit ebenso viel Skepsis wie Hoffnung, Grauen wie Humor entgegen…
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Basierend auf den Erfahrungen der orthodoxen Jüdin Yuta Silverman aus Borough Park, Brooklyn, und ihrer Freundschaft zu einer muslimischen Lehrkollegin, schildern Stefan C. Schaefer und Diane Crespo sehr zurückhaltend und sensibel die kulturellen Konflikte zwischen Tradition und Modernität, familiärer Fremd- und individueller Selbstbestimmung, die das Leben der zwei intelligenten, ambitionierten, aber auch an ihren soziokulturellen Positionen zweifelnden Protagonistinnen bestimmen. Dabei ist bemerkenswert wie die unscheinbare, in siebzehn Tagen abgedrehte US-Independentproduktion, die seit 2007 auf zahlreichen nationalen und internationalen Filmfestivals Publikums- und Kritikerpreise gewinnen konnte, nicht nach festen soziokulturellen Maßstäben über seine Figuren urteilt. Auch wenn sie sich in Debatten über ihre individuellen Lebensentscheidungen versteigen, meinen es die Figuren letztlich doch alle gut miteinander. Die Rektorin, die sich in das Leben ihrer ethnisch anderen Lehrerinnen mischt und ihnen den feministischen Ratschlag gibt, aus ihrem patriarchalen Milieu auszubrechen. Rochels jüdische Freundin, die sich von ihrem gemeinsamen orthodoxen religiösen Milieu losgesagt hat und ein selbstbestimmtes Leben getrennt von der Familie lebt. Rochels Mutter, die der ungehorsamen Tochter mit dem schlechten gesundheitlichen Zustand ihres Gatten Druck macht. Nasiras Vater, der der schockierten Tochter einen älteren Familienfreund als potentiellen Ehemann vorstellt. Bis hin zu der jüdischen Heiratsvermittlerin, der man als Heiratswillige mitunter auch mal selbst auf die Sprünge helfen muss. Der langwierige Prozess der Partnerfindung ist dabei ebenso komisch wie berührend geschildert, ohne sich in hochdramatische Familienszenen zu versteigen, noch die Integrität der Figuren anzugreifen.
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Der unaufdringliche, behutsame Erzählstil ist trotz der ein oder anderen plakativen Szene über kulturelle Differenzen und didaktischem Dialog über soziale Dynamiken ebenso ansprechend wie die sehr dezente, urteilsfreie Milieudarstellung, die nur selten droht in einen plumpen, weltverbesserischen Aufruf zu religiöser und kultureller Toleranz zu kippen. Stattdessen überzeugt der Film damit, dass er den soziokulturellen Konfliktstoff der Geschichte nicht mit dramatischen Handlungswendungen künstlich verfremdet, sondern den graduellen Prozess der systematisierten Partnersuche innerhalb der jeweiligen Kulturen mit respektvoller Distanz und genuinem Interesse beobachtet. Involvierend ist der Film trotz seines gemächlischen Tempos und der nicht besonders spektakulären filmischen Umsetzung deshalb, weil sämtliche Figuren sehr authentisch gezeichnet sind und von einer soliden Riege relativ unbekannter New Yorker Schauspieler gut besetzt und natürlich gespielt werden. Vor allem Zoe Lister Jones brilliert mit ihrem zurückhaltenden, sehr ausdrucksstarken Spiel als die sensiblere der zwei Frauen, während die hübsche Francis Benhamou mit der Selbstironie und der Initiative ihrer Figur punktet.

Als ein kleiner, gefälliger Film über wenige kulturelle Differenzen und viele emotionale Gemeinsamkeiten erzählt Arranged (2007) eine sehr kulturspezifische, lokale Geschichte, die das Thema der arrangierten Heirat aus der erfrischenden Perspektive zweier Frauen schildert, die sich auf der Grenze zwischen einer westlich-progressiven Außenwelt und einer archaisch-traditionellen Subkultur bewegen und die zwei Hälften ihrer kulturell hybriden Identität beständig miteinander arrangieren müssen. Deshalb bleibt ein klares Für oder Wider gegenüber der Praxis der Konvenienzehe im Film aus. Skeptiker mögen in dem Ende des Films eine märchenhafte Utopie sehen, die sie bei arrangierten Ehen partout für unmöglich halten. Doch diejenigen, die wider aller Erwarten gerade auf diesem Weg ihr Liebesglück gefunden haben, werden wohl nur zustimmend schmunzeln.

Für S.L.

Eine Rezension von Asokan Nirmalarajah
(14. November 2010)
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Daten zum Film
Arranged USA 2007
Regie Diane Crespo, Stefan C. Schaefer Drehbuch Stefan C. Schaefer
Produktion Cicala Filmworks Kamera Dan Hersey
Darsteller Zoe Lister Jones, Francis Benhamou
Länge 90 FSK 6
http://www.arrangedthemovie.com/
Filmmusik Sohrab Habibion, Michael Hampton
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