Jennifer, die Tochter eines amerikanisch-italienischen Schauspielers wird in ein Mädcheninternat in den Schweizer Alpen umgeschult. Ihre Mitschülerinnen machen ihr das Leben schwer, da sie selbst psychische Probleme hat, angeblich in telepathischem Kontakt mit Insekten steht und schlafwandelt. Gleichzeitig verschwinden in der Gegend immer häufiger junge Mädchen und werden später verstümmelt aufgefunden. Beim Schlafwandeln wird Jennifer schließlich Zeuge eines Mordes und findet sich wenig später im Haus eines Insektenforschers wieder, der dort zusammen mit seinem trainierten Schimpansen lebt. Gemeinsam mit ihm versucht Jennifer dem Rätsel auf den Grund zu gehen...
Nachdem immer wieder Produzenten und ihre Firmen Argento ins Handwerk redeten (wobei er aufgrund seines Vaters hier schon eine privilegierte Stellung hatte), gründete er seine eigene Firma namens DACFILM Rome (DAC steht für Dario Argento Company...) und verfilmte ein Script, das schon seit 1983 unausgearbeitet in seiner Schublade vor sich hinschlummerte. Für knappe 4 Millionen Dollar entstand schließlich Phenomena, der alsbald von der italienischen Presse als Argentos Version von Hitchcocks
Die Vögel bezeichnet wurde, was natürlich ziemlicher Unfug ist. Kurz nach Fertigstellung des Films, dachte Argento, dass er mit Phenomena erstmalig seiner tatsächlichen Vorstellung nahe gekommen sei, und betrachtete ihn lange Zeit als den pers
önlichen Liebling in seiner Filmographie. Eine Position, von der er später aber Abstand nahm - und das nicht zu Unrecht möchte ich meinen, wie ich in der folgenden Kritik aufzeigen möchte. Der Film wurde jedoch sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum kein durchschlagender Erfolg, aber viele gute Filme (auch Argentos) wurden erst Jahre oder Jahrzehnte nach ihrer Entstehung wiederentdeckt und von der Kritik angemessen gewürdigt.
Der Film beginnt eigentlich recht vielversprechend. Natürlich muss gleich zu Beginn ein junges Mädchen ihr Leben lassen (übrigens gespielt von Fiore Argento, Darios Tochter und Halbschwester von Asia) und auch das bekannte Motiv der Mädchenschule mit altmodischen Aufpasserinnen sorgt für einiges an Atmosphäre. Gerade hier werden manchmal schon Erinnerungen an
Suspiria wach, auch wenn der Film natürlich bei weitem nicht so bunt und verspielt ist. Dafür mangelt es dann zumindest später doch manchmal an Stimmung, vor allem in den Szenen die im Freien spielen. Argento kann meines Erachtens in geschlossenen Räumen einfach deutlich besser inszenieren, denn eine gewisse Gruselatmosphäre mag sich auf den sonnendurchfluteten Wiesen in den Schweizer Alpen irgendwie nur sehr schwer einstellen. Im Kontrast dazu stehen dann eben die Szenen in geschlossenen Räumen, sowohl in der Mädchenschule ohne direkte Mordsequenzen, als auch später im Finale. Die üblichen Leerläufe und Drehbuchlücken kann Argento hier jedoch weniger als sonst durch seine berühmten Kameramätzchen und sonstigen, geschickt kaschierenden, Regieeinfälle überbrücken, so dass der Film manchmal etwas holprig konstruiert wirkt und sich manchmal - ich wage es fast nicht zu sagen - fast schon eine gewisse Langeweile einstellt.
Was nicht zuletzt daran liegt, dass das Drehbuch dem Zuschauer doch einiges abverlangt, dazu aber gleich mehr. Man muss jedoch genauso festhalten, dass dem Meister wiederrum ein paar schlicht und ergreifend geniale Momente gelingen. Natürlich - wie sollte es auch anders sein - sind diese meist in den Gewaltszenen zu finden. Da wäre zum einen sicherlich die Jagd auf ein Mädchen quer durch einen verlassenen Flügel des Internats zu nennen, was einen ungemein intensiven und spannenden Höhepunkt des Filmes markiert. Erneut beweist Argento hier ein Auge für gelungene Kameraarbeit, superbe Schnittfolgen und effektiv eingesetzte Gewaltspitzen, die durch ihren pointierten und knackigen Einsatz ihre Wirkung erreichen, dementsprechend künstlerisch wirken, und weniger ausschlachten und plump "draufhaltend". Diese Szene ist dann auch spannungsmäßig der Höhepunkt und erreicht ein Level, dass der restliche Film leider nicht mehr ganz erklimmen kann. Besonders gelungen ist dann aber gegen Ende noch eine Szene im Haus des Killers, in dem die arme Jennifer in einer Grube voll mit Leichen, Leichenteilen, Maden und Brackwasser schwimmen muss, was wirklich sehr eklig und effektiv ist. Insgesamt gibt es aber leider deutlich weniger memorable Szenen als in den sonstigen Filmen von Dario Argento aus dieser Zeit.
Wie man sicherlich an der (wie üblich) kurz gehalten Inhaltsangabe gemerkt hat, ist die Handlung von Phenomena einerseits recht vielschichtig, aber andererseits auch nicht ganz leicht zu beschreiben. Dies kann daran liegen, dass die Geschichte - in meinen Augen - selbst für die Verhältnisse von Dario Argento eigentlich ziemlicher Schwachsinn ist, und rein von den Handlungsaspekten für mich eventuell auch der schwächste seiner Filme ist. Denn was Argento hier teilweise serviert, ist schon sehr unsinnig und auch dämlich. Sicherlich, dumme Geschichten können auch Spaß machen, aber dafür sind Argentos Filme doch zu künstlerisch und nobel gemacht. Argento verkauft uns ernsthaft einige Plotpunkte, die normalerweise für schalendes Gelächter sorgen würde. Höhepunkt ist dann wohl eine Szene, in der Jennifer mit einer Fliege (eingesperrt in einem Kasten) mit dem Bus am offenen Fenster durch die Gegend fährt. Nämliche Fliege ernährt sich nämlich von Leichen, und sobald sie wild und irre wird, weiß Jennifer, dass sie sich in der Nähe des Hauses vom Mörder befindet. Und genau das passiert und funktioniert dann auch, obwohl es per se eigentlich ziemlich hirnrissig ist. Dazu kommen noch weitere fragwürdige Elemente wie der trainierte Schimpanse, Telepathie mit Insekten, riesige Schwärme von diesen, und so weiter. Und die Auflösung, wer denn dann der eigentliche Mörder ist, bricht dem Film eigentlich komplett das Genick in meinen Augen.
Zusammenfassend kann man daher wohl festhalten, dass Phenomena in Form eines reinen Giallo wohl deutlich besser gelungen wäre. Denn ein Giallo ist eigentlich nie schlecht, so konventionell er auch inszeniert sein möge, eine Gefahr, die uns bei Argento natürlich eigentlich nie ins Haus steht. Denn gerade die Szenen mit dem Mörder, das Geheimnis, die weiblichen Opfer, die Gewaltspitzen, das alles funktioniert wieder sehr gut - das ist eben Argentos Terrain, da kennt er sich aus, da fühlt er sich wohl, und das merkt man als Zuschauer auch. Doch neben diesem fast schon klassischen Giallo will Argento noch mehr, und damit leider auch zu viel. Diese ganzen weiteren Plotpoints, Telepathie mit Insekten, übernatürliche Elemente, der trainierte Schimpanse, der (beschissene) Killer, all das ist einfach unglaubwürdig, dumm und zuviel. Der Film geht fast zwei Stunden, und man muss ehrlich zugeben, dass diese zwei Stunden sehr lang sind, und somit auch eigentlich zu lang. Manchmal zieht sich Phenomena doch, weil er stellenweise nicht wirklich gut funktioniert. Besonders gut gefallen hat mir aber übrigens auch wiederrum der Soundtrack, diesmal erneut von GOBLIN respektive Claudio Simonetti sowie Simon Boswell. Es gibt ein paar schöne Stücke, und die Atmosphäre wird davon gekonnt untermalt.
Doch nicht die komplette musikalische Untermalung ist gut. Argento lässt es sich nicht nehmen - eine "Idee" die er auch in
Opera weiterführen wird - und untermalt ein paar Szenen mit Heavy Metal (inkl. Gesang!) von Iron Maiden und anderen Bands. Eine Entscheidung, die den Szenen ihre Wucht stellenweise nimmt und in krassem Kontrast zum sonst sehr gelungenen Soundtrack steht. Künstlerisch in meinen Augen (respektive Ohren) nicht nachvollziehbar. Neben dem schlechten Killer (ich wiederhole mich) bricht der Film leider auch gegen Ende immer weiter Ende, was dann in den letzten Minuten mit der Aufdeckung der Identität des Mörders seinen hysterischen Höhepunkt erreicht. Die letzten Minuten des Films sind dann eigentlich nur noch grelle Szenenabfolgen, bei denen der vorhergehende dämliche Gipfel vom nachfolgenden immer weiter getoppt wird, was schließlich in einem (
minor spoilers ahead) Rasierklingen-wirbelndem Schimpansen seinen absurden Climax erreicht. Auch zieht Argento hier ordentlich die Blutschraube an und präsentiert uns eine Mischung aus grellen, ekelhaften und sadistischen Verstümmelungen, ohne die Klasse der Mädchenjagd in der Mitte des Films zu erreichen. Sicherlich, die Zerschneidung eines Gesichts im Finale ist intensiv, schockierend, brutal und eisenhart anzusehen, wirkt aber doch sehr selbtszweckhaft und nicht so geschickt komponiert wie in sonstigen Filmen von ihm.
Der Film ist aber sehr prominent besetzt. Die Hauptrolle spielt die damals 15 jährige Jennifer Connelly, die für A beautiful Mind einen Oscar bekam. Sie selbst hasst den Film angeblich, ist für Interviews zu dem Thema nicht zu erreichen, und hatte Angst vor dem trainierten Schimpansen, der sich regelmässig mit ihr "Kämpfe lieferte". Der Insektenforscher wird von Donald Pleasence gespielt, natürlich legendär für seine Rolle in Halloween. Beide machen ihre Sache sehr gut, Connelly ist für 15 Jahre sehr hübsch anzuschauen und überzeugt wie auch Pleasence in ihrer Rolle. Daria Nicolodi, Geliebte und Muse Argentos, ist natürlich auch wieder mit von der Partie, diesmal als Angestellte des Hauses. Mehr zu ihr gibts bei vergangenen Kritiken zu lesen. Inspektor Geiger wird vom Belgier Patrick Bauchau gespielt, der unter anderem in Ray mit Jamie Foxx zu sehen war. In einer kleinen Nebenrolle gibt es sogar Michele Soavi zu sehen, der natürlich als Regisseur von Dellamorte Dellamore bekannt ist, kürzlich
Eiskalt drehte, und bei Phenomena auch First Assistant Director war. Fotografiert hat den Film Romano Albani, der auch schon
Inferno filmte, und später unter anderem die Kamera bei Fantaghiro führte. Die Großaufnahmen der Insekten wurden von Luigi Cozzi gefilmt. Und für die Kostüme zeichnet sich sogar Giorgio Armani verantwortlich!
Auf DVD gibt es den Film ungeschnitten von Dragon. Basis der Rezension war aber die amerikanische DVD von Anchor Bay als Teil der Dario Argento Collection zusammen mit
Inferno in einer Box. Das Bild ist ansprechend, ein Audiokommentar ist vorhanden (der aber ähnlich wie bei
Tenebre aufgrund mangelnder Englischkenntnisse des Meisters wenig erleuchtend ist), sowie weitere Extras, Interviews etc.
Der Ton ist leider etwas hölzern und gestelzt, was wohl daran liegt, dass der Film mit englischem Ton aufgenommen wurde. Allerdings sind die kurzen Passagen in Schweizerdeutsch sehr amüsant. Darüber hinaus ist die DVD wohl auch noch minimal geschnitten, daher nicht unbedingt die beste Wahl, aber zum damaligen Zeitpunkt die einzige.
Fazit: Wie sicherlich aus der Kritik zu erkennen ist, habe ich persönlich meine Schwierigkeiten mit Phenomena. Das Ende mitsamt der Auflösung ist eigentlich schrecklich, viele Konzepte und Szenen des Films ziemlich dumm. Trotzdem blitzt immer wieder die Genialität des Regisseurs auf und tröstet zusammen mit dem größtenteils wunderbaren Soundtrack über so manche Untiefe hinweg.