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The Blair Witch Project

The Blair Witch Project

Ein Film von Daniel Myrick, Eduardo Sanchez

(USA, 1999)



„I hear her voice / Calling my name / The sound is deep / In the dark”
(The Cure, ‘A Forest’)


„I´m afraid to close my eyes, I´m afraid to open them…“



„Ick verlauf mir im Wald und schmeiß die Karte wech. Natürlich!” Steffen, Inhaber der Direkt-um-die-Ecke-Videothek meines Vertrauens, ist nicht zu beruhigen. Ich kenne diese Reaktionen zu gut. Wenn ich sage, dass Blair Witch Project für mich immer noch einer der furchteinflößendsten Filme überhaupt ist, werde ich regelmäßig ausgelacht.

Es ist wirklich unverschämt. Damals haben sie sich alle in die Hose gemacht. Alle! Und manchmal möchte ich wetten: Die, die heute am lautesten lachen, waren die mit den vollsten Hosen.

Als der Film Ende der Neunziger Jahre in die Kinos kam wusste jeder, dass das kein normaler Streifen war. Und dass es kein Spaziergang werden würde. Im Trailer sah man sekundenlang nichts als schwarz, hörte aber die markerschütternden, eigentümlich echt klingenden Schreie von Heather Donahue.

Die einen fieberten der Geschichte entgegen, die bereits durch die Medien waberte und sich unglaublich schauerlich anhörte. Die anderen sagten: "Gott nein, 90 Minuten lang Heimvideogewackel, bloß nicht."

The Blair Witch Project erzählt die mutmaßlich wahre Geschichte der drei Filmstudenten Heather (Heather Donahue), Michael (Michael
Williams) und Joshua (Joshua Leonard), die in den Wäldern von Maryland eine Dokumentation über die Legende der Hexe von Blair drehen wollen. Sie verlaufen sich, verlieren die Karte und glauben irgendwann verfolgt zu werden. Die Spannungen, die Aggressionen und Ängste werden immer schlimmer. Vor allem in der Nacht häufen sich beunruhigende Ereignisse. Am Ende verschwinden alle drei spurlos. Die Authentizität der Geschichte wird dadurch suggeriert, dass der Zuschauer tatsächlich von der ersten bis zur letzten Minute nur Amateurfilmaufnahmen zu sehen bekommt, die die drei von sich selbst gemacht haben. Auf dem Filmplakat prangte die kluge Tagline: „Im Oktober 1994 verschwanden drei Filmstudenten in den Wäldern von Burkittsville / Maryland beim Drehen eines Dokumentarfilms. Ein Jahr später wurde dieses Material gefunden.“

Wie wird man jetzt, mehr als zehn Jahre danach, und in Zukunft über diesen Film sprechen?

Bis zum Sankt Nimmerleinstag wird an die ungewöhnliche, mitunter grenzwertige Machart erinnert werden, mit der dieser Film entstand. Und der Hinweis darauf, dass zum ersten Mal ein Internethype von Anfang an Teil der extrem erfolgreichen Vermarktungsstrategie war, darf auch niemals, niemals fehlen.

Die beiden Filmemacher, Daniel Myrick und Eduardo Sanchez, wiesen ihre drei Schauspieler in die Geschichte ein, die von Anfang an Stückwerk war – und auch bleiben sollte: Studenten; Hexe von Blair; Wald; verlaufen; Karte weg; merkwürdige Dinge in der Nacht; Panik; Kinderlachen in der Nacht; noch mehr Panik; dunkles Haus im Wald; Schicht im Schacht.

Myrick und Sanchez schickten ihre drei Opfer in den Wald, mit schmal kalkuliertem Proviant und einer Marschroute. An abgesprochenen Punkten hinterlegten sie Hinweiszettel, wie sich die Geschichte nun weiter entwickeln solle. Dabei wurden die Essensrationen immer dürftiger. Auch lauerten sie den drei nachts auf und rüttelten am Zelt, spielten Kinderlachen über Tonband ab und platzierten eigentümliche Steinhaufen vor ihren Zelten, die an Voodoodevotionalien gemahnen.
The Blair Witch ProjectThe Blair Witch ProjectThe Blair Witch Project
Es ist also durchaus reizvoll, dass hier die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Denn häufig kann man sich nicht sicher sein, ob die Aggression vor der Kamera gespielt oder den zunehmenden Strapazen geschuldet ist.

Dann wäre da natürlich der Hype, den die beiden im Internet lostraten, um ihren mit schmalstem Budget produzierten Film zu vermarkten. Am Anfang war es eine kleine Homepage, die detailliert über die Hexe von Blair Auskunft gab. Nichts davon war wahr, aber die beiden gaben sich bei der Konstruktion ihres Seemannsgarns exorbitant viel Mühe, damit eine Schauergeschichte nach richtiger Geschichte aussieht. Ein bemerkenswerter narrativer Überbau, den die beiden da kreierten und sich bei denjenigen, die die Internetmärchen bereits kannten, als Wahrnehmungsfolie über den Film schob. Ein interessantes, intermediales Konzept.

Auch das Filmmaterial wurde zuerst als echt verkauft. Filmplakate, die wie Vermisstenanzeigen designt wurden, unterfütterten diese Legende. Bis heute ist nicht geklärt, wie viele Einfaltspinsel auf diese Nummer reinfielen.

Ich weiß, am Ende lässt es sich leicht schlau daherreden. Aber nur mal angenommen, man glaubte am Anfang tatsächlich an die Echtheit des Gesehenen (und kümmere sich auch nicht um die Frage, wie es sein könne, dass augenscheinlich juristisch und kriminalistisch relevantes Filmmaterial einfach so im Kino präsentiert wird) müsste man doch stutzig werden ob der doch recht typischen Dramaturgie der Ereignisse. Unsere Studenten sammeln zuerst ein paar O-Töne im nahegelegenen Dorf, brechen in den Wald auf. Nach einer halben Stunde wird es ungemütlich, man geht sich gegenseitig an die Gurgel und des Nachts bricht der Horror über die drei herein. Jede Nacht ist schlimmer als die davor. Das Finale im einsamen Haus im Wald setzt allem die Krone auf.

„Das irgendwer so wahrnehmungsgestört gewesen sein kann, dass ganze als snuff movie mit echten Toten gesehen zu haben anstatt als gescheites Filmexperiment, ist gruseliger als ‚The Blair Witch Project’ selbst.“ (Cinema)

Und am Ende gibt es da immer und immer wieder die Heldensage vom kleinen Film, den kein großer Verleih auch nur mit der Kneifzange anfassen wollte, der es aber doch zum großen Renner an den Kinokassen brachte und dem Hollywoodestablishment eine lange Nase machte. 32.000 Dollar Einsatz, 140 Millionen Gewinn! Stramme Leistung!
The Blair Witch ProjectThe Blair Witch ProjectThe Blair Witch Project
Nicht wenige Medien, darunter der notorisch schlecht gelaunte Spiegel, schoben den Riesenerfolg abschätzig auf das clevere Marketing. Dieser Witz von einem Film an und für sich könne damit doch eigentlich gar nix zu tun haben, nicht wahr?! (Von Wortspielen und Hänsel-und-Gretel-Sticheleien ließ sich natürlich auch kein Redakteur abhalten.)

Wenn wir aber das Gegrantel überhören und auch alle eben aufgezählten Gemeinplätze um diesen Film herum umfahren, welche Fragen bleiben dann noch übrig?

Für mich ist es die Frage danach, was The Blair Witch Project für viele Zuschauer immer noch so furchteinflößend und gespenstisch macht. Worin liegt seine verstörende, enervierende Wirkung?

Zuerst: The Blair Witch Project ist eigentlich kein Horrorfilm im engeren Sinn, genauso wie Tobe Hoopers Texas Chainsaw Massacre (1974) kein Horrorfilm im engeren Sinn ist. Myrick und Sanchez drehten in der Tradition des Terrorfilms, wo sich Horror im Kopf abspielt. Es geht nicht um tatsächlich stattfindende Gewalt, sondern um Bedrohung, um kurz bevorstehende Gewalt. Es geht um Wahnsinn und Angst. Pure, nackte, rasende Angst. Und das kommuniziert dieser Film so direkt und unmittelbar wie kein anderer.

In Michael Powells fast vergessenem Klassiker Peeping Tom (Augen der Angst, 1960) sagt der geistesgestörte Frauenmörder am Schluss: „Do you know what the most frightning thing in the world is? It´s fear!” Und das ist eine goldene cineastische Weisheit. Auch Stephen King wusste um die Wirkung dieses Prinzips. Und er wusste auch, dass die schönste Bedrohung nur noch halb so gruselig ist, wenn sie sichtbar wird. Hinter der Tür kann ein fünfzehn Meter großes Monster warten. Macht man die Tür auf und das Monster ist tatsächlich da, kann man auch sagen: „Gott sei Dank ist es nicht dreißig Meter groß!“ Deshalb sind auch die meisten Horrorfilme in der ersten Hälfte immer spannender als in der zweiten.

Angst vor der Angst. Angst vor dem Unbekannten, dass der Zuschauer nicht direkt, sondern nur durch das Verhalten der Protagonisten erahnen kann. Wir wissen es ist gefährlich, bedrohlich, beängstigend. Aber nicht was es ist. Und das müssen wir auch nicht. Unser Kopf garantiert uns, dass wir schon die richtige Ahnung haben. Es ist wie in George Orwells 1984, wo Winston Smith seinen Peiniger O´Brien fragt, was sich in Zimmer 101 befindet und dieser antwortet: „In Zimmer 101 ist das Schlimmste auf der Welt.“ Und das ist für jeden Menschen etwas anderes.

(Von ursprünglichen Plänen, tatsächlich so etwas wie eine echte Hexe ins Spiel zu bringen, kamen Myrick und Sanchez wieder ab. Dem Filmgott sei Dank reichte das Geld nicht. Wäre ja nicht auszudenken gewesen…)

Beobachten wir also drei Menschen, die sich im Wald verirren und nachts von nebulösen, nur schwer einzuordnenden Ereignissen fast zu Tode geängstigt werden, dann ist das der beste dramaturgische Schachzug, dem Filmemachenden nur einfallen kann. Was wir sehen sind Menschen, die erst mit latenter Angst, dann mit nackter Panik und schlussendlich um ihren Verstand kämpfen.

Und gerade hier erfüllt die visuelle Besonderheit von Blair Witch Project ihren Zweck.
The Blair Witch ProjectThe Blair Witch ProjectThe Blair Witch Project
Ist die Kamera in ‚normalen Filmen’ ein objektiviertes, aus dem Geschehen abstrahiertes Auge des Zuschauers, verschmilzt sie hier mit den handelnden Subjekten. Je wackeliger die Bilder, desto mehr Angst ist im Spiel. Die Angstgefühle, die ein Horrorfilm verbreitet, nicht nur beim Zuschauer, sondern gerade bei seinen Protagonisten, werden für den Zuschauer sinnlich erfahrbar. Da ist keine Barriere der Fiktion mehr. Kein Schutz, gar nichts.

Die Situation, die wir sehen, packt uns auf der unterbewussten Ebene, bei längst verschütteten Ängsten. Jeder, der sich mal als Kind verirrte und den Weg zurück nach Hause nicht fand, weiß was für ein verstörendes und ekliges Gefühl das ist. Die Regisseure machen aus drei jungen Erwachsenen wieder Kinder, die mit der Situation völlig überfordert sind und zum Schluss an ihr zerbrechen. All die erlernte Rationalität, die zum Erwachsenwerden dazu gehört, hilft nicht gegen das Mystische, das da im Wald zu lauern scheint.

Das alles lässt manche Menschen, wir erwähnten es bereits, völlig kalt. Sie sehen es nicht ein, warum man sich vor drei Pappnasen von der Filmhochschule im Wald fürchten soll, die es nicht fertig bringen einfach dem Fluss zu folgen, um überhaupt aus dem Wald wieder herauszufinden (völlig egal ob sie nun exakt die Stelle finden, an der das Auto steht oder nicht).

Vielleicht wären sie besänftigt gewesen, hätte man den Film etwas konventioneller strukturiert, so wie es beispielsweise Ruggero Deodato in Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt, 1980) tat und die Geschichte als Binnenerzählung angelegt hätte, in der das Filmmaterial so in etwa die Hälfte des Films einnimmt. Das hätte die unheimliche Wirkung noch verstärkt. Das hätte The Blair Witch Project vielleicht perfekt gemacht.

Aber schade für sie. Von einem der furchteinflößendsten Filme überhaupt, der es so geschickt versteht uns mit Zeichen und Andeutungen zu füttern und den großen Rest von unserem Kopf erledigen zu lassen, müssen sie ungerührt und unberührt bleiben. Sie müssen weiter Saw II-VII (+ x) schauen. (Natürlich "+x". Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass da wirklich Schluss ist?!)

Selbst das Finale kann sie nicht umhauen. Dieser fiebrige Höhepunkt des Schreckens, bei dem einem die Nerven kochen. Ich schwöre es: Nie wieder habe ich beim Abspann ein so totenstilles Kino erlebt.

Eine Rezension von Gordon Gernand
(21. April 2011)
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Daten zum Film
The Blair Witch Project USA 1999
Regie Daniel Myrick, Eduardo Sanchez Drehbuch Daniel Myrick, Eduardo Sanchez
Produktion Haxan Films Kamera Neil Fredericks
Darsteller Heather Donahue, Joshua Leonard, Michael Williams
Länge 81 Min. FSK
Filmmusik Tony Cora
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