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Die zehn Gebote

Die zehn Gebote

Ein Film von Cecil B. DeMille

(USA, 1956)


„Monotheismus, das ist wie fünftausend Folgen Lindenstraße - NUR mit Mutter Beimer!“
(Jürgen Becker, "Ja was glauben Sie denn?!")


„Dieser Nautlilus ist so schön, den kann doch nur ein Gott erschaffen haben!“
(Laut ZEIT-Artikel von 2009: Student im Naturkundemuseum
Berlin)


„Hear his words - and obey!“


Unser Kommunionslehrer in der Grundschule war auch der Pfarrer im Stadtbezirk und bekam einen hochroten Kopf und cholerische Anfälle, wenn jemand sein Reli-Heft vergas. Er litt unter hohem Blutdruck, das Treppensteigen kam ihm vermutlich vor wie die Durchschreitung der ägyptischen Wüste.

Ab dem 7. Schuljahr dürfte man Religion als Schulfach abwählen. Direkt in der ersten Stunde schickte die pädagogische Fachkraft alle Teufelsanbeter nach draußen, die das Formular im Geiste bereits unterschrieben hatten. Kein Ungläubiger sollte die reinen Herzen der übrig gebliebenen Schäfchen verderben. In den zusätzlichen Freistunden wurden die ersten Kippen geraucht.

Ein Hoch auf die institutionalisierte Glaubensführung.

Religiöse Monumentalfilme bereiten mir zwiespältige Gefühle. Einige von ihnen sind grandioses, glitzerndes, mit aller Macht über die Leinwand galoppierendes Kino. Aber sie sind auch Propaganda, die mit brutalem, keinen Widerspruch duldendem Karacho vorgetragen wird. (Und aufdringl
iche Bekehrungsversuche kann ich überhaupt nicht leiden. Ich fühle mich dann quasi 'ideologisch belästigt'.)

Die zwei Paradebeispiele sind: Mervin LeRoys Quo Vadis (1951) und Cecil B. DeMilles The Ten Commandments (Die zehn Gebote, 1956).

Bei LeRoy ist das plausibel, denn in der Adaption von Henryk Sienkiewiczs Roman geht es um den historischen Ausgangspunkt, an dem sich das Christentum als religiöse All(ein)macht in Europa manifestierte. DeMilles Epos zeigt, wie man eine Erlösungs- und Befreiungsgeschichte zu Kalte-Kriegs-Propaganda verwursten kann. Und: wie sehr doch fast jedes Kunstwerk dieser Welt immer ein Produkt seiner Zeit ist.


Das Gesamtkunstwerk DeMille

Cecil B. DeMille gehörte zur Riege der aller ersten großen Hollywoodregisseure, die den Sprung in die Tonfilmzeit schafften. 1924 hatte er die zehn Gebote schon einmal verfilmt. Für The Greatest Show on Earth (Die größte Schau der Welt, 1952) bekam er den Oscar. Vermutlich war er der erste Star Hollywoods hinter der Kammera.

Die Frage, was für ein Mensch er gewesen sein soll, kann man heute nicht mehr beantworten, ohne sich auf das Glatteis der Legendenbildung zu begeben. Billy Wilder erinnerte sich in seiner Biographie, wie DeMille auf einer Konferenz der amerikanischen Filmemacher, auf dem Höhepunkt der McCarthy-Ära eine Rede hielt, „die man nur als faschistisch bezeichnen konnte“. Aber sein Sitznachbar, ein gewisser John Huston, faltete den Herrn ordentlich zusammen. Im Gegensatz zu Wilder, Huston und anderen prominenten Kollegen, hatte DeMille keinen aktiven Militärdienst geleistet und somit auch wenig Konstruktives zur Befreiung Europas von den Nazis beigetragen.

Die zehn GeboteDie zehn GeboteDie zehn Gebote

DeMille galt als herrischer Studiodiktator. Einige behaupten, das sei eine notwendige Arbeitsmaske gewesen, um aus allen Beteiligten am Set die besten Leistungen heraus zu kitzeln. Einige beschreiben ihn als loyal und warmherzig gegenüber Freunden und langjährigen Mitarbeitern.

Interessanter ist vielleicht, dass DeMilles Ehefrau Constance nach einer Fehlgeburt in den 20er Jahren kein Interesse mehr an Sex hatte und sich der mächtige Regisseur (mit ihrer Billigung) gleich mehrere Geliebte hielt, darunter seine Drehbuchautorkollegin Jeanie Macpherson. Er gab sich keine große Mühe, sein Treiben geheim zu halten. Ein Beweis dafür, wie gefestigt seine Machtstellung in der jungen Filmmetropole war.

Ebenso ist verbrieft, dass DeMille, obgleich bibeltreuer Christ, „unbürgerliche Sexualpraktiken“ liebte. Viele seiner Filme arbeiten mit sexuell aufgeladenen Bildern, die damala pure Provokation waren. Eine Ehrenmitgliedschaft in der katholischen Kirche bekam er jedenfalls nie.

Man muss da nicht gleich Sodom und Gomorra schreien oder den Mann für einen Heuchler halten. Aber man sollte es einfach mal erwähnen wenn wir über jemanden reden, der gleich zwei mal die Entsteheung des ersten, großen Moralkataloges der Menschheitsgeschichte verfilmt hat.

Vielleicht ist das einfach nur ein Beweis dafür, dass man mit Bibelzitaten um sich werfende Gestalten einfach mal fragen sollte, was sie denn so treiben wenn nachts das Licht ausgeht. Oder dass nur der, "der wirklich ohne Sünde ist, und nicht nur ein großes Maul hat, den ersten Stein werfen soll". (Klaus Kinski)

Außerdem bleiben seine Verdienste um das moderne Kino. Sein letzter Film, sein eigenes Remake, ist ein gutes Beispiel dafür, dass DeMille unser aller Filmverständnis prägte. Aber sich auch nicht davor scheute, Religion mit Politik zu befrachten. Und der von Anfang an mit der nicht uneitlen Einstellung ans Werk ging, mit diesem Film Kinogeschichte zu schreiben.

Schon am Anfang nimmt sich DeMille etwas heraus, was keiner vor ihm oder nach ihm machte, jedenfalls nicht im konventionellen Kino. Er tritt als Regisseur noch vor dem Vorspann vors Publikum, in anmaßender Ergriffenheit, hält eine bierernste Ansprache über das, was in den nächsten vier Stunden kommen soll. Die Geschichte von Moses und der Befreiung der Israeliten aus der Gefangenschaft der Ägypter illustriere eine heute noch aktuelle Frage: Ob ein Volk in Freiheit leben, oder sich einem „launischen Diktator wie Ramses“ unterwerfen wolle.

Vielleicht hätte nicht viel gefehlt, und der Starregisseur hätte Ramses einen Stalin-Schnäuzer verpasst.


Geschichte und 'Geschichte'

Für diese Geschichte bediente er sich nicht nur beim 'Buch der Bücher', sondern auch bei den Literaturvorlagen von Joseph Holt Ingraham (Pillar of Fire) und Dorothy Clarke Wilson (Prince of Egypt). Und die geht im Zeitraffer so: König Ramses der I. befiehlt die Versklavung der Israeliten. Aus Angst vor einer Prophezeiung, nach der ein Hebräer die Sklaven in die Freiheit führen soll, lässt er alle Erstgeborenen töten. Das Baby, das später Moses heißen wird, wird von den Eltern ausgesetzt und von der kinderlosen Witwe und Pharaotochter Baket (Nina Foch) aus dem Nil gefischt und umgehend adoptiert.

Im Glauben, Ägypter zu sein, gedeiht Moses zu einem kernigen Kriegsheld heran, der seinem Vater ein Reich nach dem nächsten erobert. Doch er zieht auch die Missgunst seines Bruders (Yul Brynner) auf sich, weil er als nicht-leiblicher Sohn seinem Vater auf den Tron folgen soll.

Durch eine Intriege erfährt Moses von seiner hebräischen Herkunft und entfremdet sich vom ägyptischen Herrscherhaus. Freiwillig wird er zuerst Sklave und dann von seinem Bruder im wahrsten Sinne in die Wüste geschickt. Dann kommt die Nummer mit dem brennenden Dornenbusch. Gott spricht zu Moses und offenbart ihm eine Karriere als erwählter Erlöser.

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DeMilles Opus Magnum ist vieles zu gleich. Großes Hollywoodkino. Der erste moumentale, den Zuschauer mit Worten und Bildern erschlagende Blockbuster. Und gleichzeitig ein fast unverschämt anmutender Werbefilm für das Christentum als einzig selig machende Sinninstanz der Welt.

Charlton Heston und Yul Brynner spielen nicht nur ein ungleiches, um Macht und Vaterliebe käbbelndes Bruderpaar, sondern verkörpern zugleich verschiedene Gegensätze. Monotheismus gegen Polytheismus, Freiheitsliebe gegen Herrenmenschenmentalität, Mystizismus gegen Rationalismus, demütige Askese gegen großspurige Lebenslust.

Hestons virile Präsenz passt gut zum Moses dem Kriegsheld und Königsgünstling. Dann aber erkennt er seine Herkunft und wandert nur noch mit Hirtenstock und Lumpen durch den Film. Je öfter ihm Gott begegnet, desto weißer wird sein Bart und glasiger sein Blick.

(Bis heute ist nicht ganz geklärt, wer die Stimme Gottes in der Dornenbuschszene spricht. In den Credits taucht kein Hinweis dazu auf. Es ist schwer zu raten, denn die Stimme wurde im Studio extrem verfremdet. Manche sagen, DeMille hätte sich für diese Aufgabe nicht lumpen lassen. Doch Heston lies einige Male durchblicken, er hätte diesen Part übernommen. Das wäre also eine nette kleine Ironie, wenn man an Ludwig Feuerbachs Zitat vom Gebet als Selbstgespräch denkt.)

Brynner hingegen schien DeMille schon von seiner russisch-mongolischen Abstammung her gut ins Konzept zu passen. Sein Aussehen scheint ihn für die Schurkenrolle zu prädestinieren. Die vielleicht stärkste Szene des Films, meine absolute Lieblingsstelle, ist das Ende des ersten Teils, wo Ramses Moses ohne Wasser und Brot in die Wüste entlässt und ihm mit wölfischem Blick hinterher stiert: „Leb wohl, mein geliebter toter Bruder“.

Für solche Momente, für genau solche Momente ist eine Leinwand da. So ist es und so muss das sein, das große klassische Hollywoodkino.

Aber DeMille war in seinem Eifer nicht zu bremsen.


Monumental in Wort und Bild

Die Dialoge tönen und dröhnen, poltern und pochen, fauchen und fegen dem Zuschauer durch den Gehörgang. Sie hören sich teilweise an, als hätte eine Horde fanatisierter Christen das Drehbuch verfasst. (Ein Blick auf die lange Riege von Scriptautoren verrät: Arthur Eustace Southon war Reverend bei den Methodisten und Jack Garris Spiritualist. Immerhin.)

Andere große Bibelfilme klingen durchaus ähnlich. LeRoys vorhin erwähntes Werk zum Beispiel. Auch Nicolas Rays King of All Kings (König der Könige, 1961) oder John Hustons The Bible (Die Bibel, 1965) sind bestimmt nicht ohne. Aber nirgendwo wird so monumental und radikal auf die Kacke gehauen wie hier. Nach überstanden vier Stunden rauchen die Ohren.

Der Aufwand an Statisten, Requisiten und Kostümen ist legendär. Für solche Filme muss das Wort „Materialschlacht“ erfunden worden sein. Man denke nur an den minutiös eingefangenen Aufbruch der Israeliten aus Ägypten. So sieht ein ordentlicher Exodus aus.

Wo Sprache und Bilder übermächtig sind, wirkt die Schauspielerei fast schon zurückhaltend. Vor allem Brynner und Edvard G. Robinson als hinterhältiger Stadthalter Dathan sind auch heute noch großartig anzusehen. Auch Anne Baxter als Königin Nefretiri macht eine gute Figur - wenn man bedenkt, dass DeMille Baxter vor allem wegen besagter Figur besetzte. Genauer: wegen der Oberweite. (Deswegen ging Audrey Hepburn leer aus.)

Die zehn GeboteDie zehn GeboteDie zehn Gebote

Kombiniert man dieses rhetorische Inferno mit der Theatralik von DeMilles Inszenierung, ergibt sich daraus die erschlagende Wirkung, die bei mir das Bedürfnis auslösen, alle sieben Todsünden in einer Nacht abzuhaken.


Glauben vs. Wissen

Die Szenen, in denen Moses versucht, Ramses zur Befreiung seines Volkes zu zwingen, geraten fast zu einer stellvertretenden Ausfechtung des Streites zwischen Religion und Wissenschaft. Moses versucht, dem ungläubigen König ein göttliches Wunder nach dem anderen aufzutischen: sein Gehstock, der sich in eine Schlange verwandelt, Wasser das sich rot färbt, die Heuschreckenplage, ect. pp. Im Zirkus würde man dafür vielleicht applaudieren. Doch Ramses kontert jedesmal mit einer Gegenerklärung, die manchmal von geradezu rational-naturwissenschaftlichen Scharfsinn zeugen.

Und gerade heute wirkt diese Konfrontation schrill und verdreht. Natürlich steht man auf der Seite der Israeliten, aber ihre Freiheit wird mit Irrationalismus und unbedingter Gottesfürchtigkeit erkämpft. Die Ägypter waren ein Volk, das zum damaligen Zeitpunkt über ein erstaunliches, fortschrittliches Wissen über Körper und Natur verfügte, und Moses kommt einem mit blindem Glauben und Gehorsam. Doch das Drehbuch mogelt Ramses und Co. die moralische Arschkarte zu.

Doch das ist so typisch für diesen Film, der die ganze Palette an Gottesbeweisen auffährt. Höhepunkt ist die Teilung des Roten Meeres, das die Israeliten entkommen lässt, die ägyptischen Armeen jedoch unter sich begräbt. Erst wenn Ramses als besiegter Waschlappen auf seinen Tron kriecht, und Nefretiri ihn fragt, welcher Gott denn nun stärker sei, und Ramses perplex und fertig mit der Welt stammelt: „Sein Gott ist Gott“, dann ist endlich Ruhe im Karton.

Und denkt man an den aktuellen Fanatismus und Irrationalismus der religiösen Rechten, der Tea Party-Bewegung und ähnlichen Beklopptenvereinigungen, dann wirkt diese markige, glühende Inbrunst von DeMiles Inszenierung gar nicht so antiquiert, wie man es auf den ersten Blick annehmen könnte.

The Ten Commandments ist alles Mögliche. Superlativkino aus vergangener Zeit. Tragödie und Pathos, überdimensioniert und übersättigt. Und mit Sicherheit einer der längsten und teuersten Werbespots der Kinogeschichte.

Und, pardon: vermutlich doch eine Literaturverfilmung.

Eine Rezension von Gordon Gernand
(22. Dezember 2011)
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Daten zum Film
Die zehn Gebote USA 1956
(The Ten Commandments)
Regie Cecil B. DeMille Drehbuch Aeneas MacKenzie, Jesse Lasky Jr., Jack Garris, Fredric M. Frank, Arthur Eustace Southon (Script); Joseph Holt Ingraham, Dorothy Clarke Wilson (Novel)
Produktion Motion Picture Associates, Paramount Kamera Loyal Griggs
Darsteller Charlton Heston, Yul Brynner, Anne Baxter, Edward G. Robinson, Yvonne de Carlo, Nina Foch
Länge 220 Min. FSK
Filmmusik Elmer Bernstein
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