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Der dritte Mann

Der dritte Mann

Ein Film von Carol Reed

Das Nachkriegs-Wien, wie Carol Reed es 1949 in seinem Noir-Meilenstein “Der dritte Mann” zeigte, ist nicht nur in seinen äußerlichen Konturen ein düsterer Ort des Zwielichts und des Schmutzes. Dieses Wien ist ein menschenunwürdiger Tummelplatz dubioser Schwarzhändler und Intriganten; nicht das weltoffene Touristenparadies, wie man es heute kennt.

Dorthin `verirrt´ sich der Amerikaner Holly Martins (Joseph Cotten), ein unscheinbarer Autor billiger Pulp-Romane, der eigentlich nur seinen Freund Harry Lime (Orson Welles) besuchen will, der ihn in die vom Krieg gebeutelte Donau-Metropole beordert hat. Sogar das Ticket hat Lime dem armen Schlucker Holly bezahlt, damit dieser überhaupt anreisen kann. Kaum kommt er aber an, erfährt er vom Portier des Hotels (Paul Hörbiger), Harry sei ums Leben gekommen. Wenn er sich beeile, schaffe er es gerade noch rechtzeitig zu dessen Beisetzung. Der völlig überraschte Holly macht sich auf den Weg und trifft an Ort und Stelle einige Bekannte des scheinbar toten Harry, darunter den britischen Polizeichef Calloway (Trevor Howard) und Limes Freundin zu Lebzeiten, Anna Schmidt (Alida Valli), die unter falschem Namen in Wien lebt, um sich vor der russischen Besatzungsmacht zu schützen. Diese beiden Holly fremden Personen sowie ein paar weitere geheimnisvolle Gestalten wie ein Arzt namens Winkel (Erich Ponto) und ein Mann, der sich Baron Kurtz (Ernst Deutsch) nennt, sind alle mehr oder weniger in ein sinistres Spiel verstrickt, dessen Hin
tergrund Holly erst nach und nach ersichtlich wird. Harry sei ein skrupelloser Penizilinschieber gewesen, behauptet Calloway. Tatsächlich behält der Major recht, doch es steckt noch mehr dahinter - nämlich hat Harry seinen Tod nur vorgetäuscht und steht auf einmal putzmunter im Angesicht des ahnungslosen Holly…

Im Fahrwasser der Hits der “Schwarzen Serie” - im Besonderen “Die Spur des Falken” (`The Maltese Falcon´, 1941) mit Humphrey Bogart oder den Genre-Beiträgen von Howard Hawks (“The Big Sleep - Tote schlafen fest”, 1946) und Jacques Tourneur (“Goldenes Gift”, 1947) - gelang es Carol Reed, inmitten einer realistischen Szenerie mit den typischen Ingredienzien jenes Genres, das in den USA in den 40er und 50er-Jahren seine Blütezeit erlebte, einen atmosphärisch nahezu perfekten Krimi zu inszenieren, der seine expressive, immens vom Zeit- und Lokalkolorit profitierende Grundstimmung wohl niemals einbüßen wird. Dieses zerbombte und in vier Sektoren aufgeteilte Wien fängt Kameramann Robert Krasker in einer seltsamen Schönheit ein. Der Mief der Nachkriegszeit scheint förmlich noch durch die feuchten Wände der unterirdischen Kanalisation auszudunsten, in der die Ereignisse am Schluss des Films schließlich kulminieren. Die schattige, gepflasterte Metropole mag einst als kulturelles Zentrum Europas fungiert haben (Wiener Klassik), davon ist hier aber nicht mehr sehr viel übrig. Die karge Zither-Musik von Anton Karas, den Regisseur Carol Reed direkt von der Straße weg engagiert haben soll, klingt wie ein traurig kommentierendes Relikt aus vergangenen Zeiten.

Holly Martins weiß als Schnüffler wider Willen nicht, wie ihm geschieht. Er kommt just aus dem wirtschaftlich starken, im Aufbruch befindlichen Amerika, in das schwache, rückständige, ja zerrissene Europa, in eine Stadt der zusammengewürfelten Nationen, des politischen Machtgeplänkels. Holly denkt sich nichts dabei, mehr wissen zu wollen, als er sollte. Das liegt in seiner Natur. Er ist Autor schematischer Wildwestheftchen, die keiner lesen will. Bei der Ankunft bekommt er von Calloway zu hören, dass er seine Romane nicht kenne. Später, bei einer Art inoffiziellen Pressekonferenz, wird er von Literatur kennenden Lebemännern mit bohrenden Fragen nach seinem Draht zu James Joyce bloßgestellt. Er lernt Anna kennen, die ein Verhältnis mit Harry hatte, und Holly ausversehen stets Harry nennt. Diese erhielt ihren deutschen Pass einst von Harry, so wie Holly von Harry das Ticket erhielt. Doch sie sind die Begünstigten eines Verbrechers, der in Wirklichkeit noch lebt, und sich für ein Leben entschieden hat, in dem er der Günstling seiner für größere Zwecke missbrauchten "taktischen" Opfer ist. Der Portier muss sein Leben lassen, weil er Holly von einem "dritten Mann" erzählte, der zusammen mit Baron Kurtz und einem Rumänen namens Popescu zu sehen war, als Harry angeblich von einem Auto erfasst und zu Tode gekommen sein soll. Holly entdeckt das Phantom Harry - bevor Major Calloway auf dessen Spur kommen kann - unter dem Bogen eines Hauses. Eine Katze schleicht ihm um die blitzeblank geputzten schwarzen Schuhe - und dann gibt ein fahles Licht aus dem ersten Stock für einen Moment den Blick auf sein Gesicht frei.

Kurz darauf offenbart Harry seinem Freund Holly auf dem Riesenrad des Wiener Praters seine zynische Weltsicht:

“Nobody thinks in terms of human beings. Government`s don`t. Why should we? They talk about the people and the proletariat, I think about the suckers and the mugs - it`s the same thing. They have their five-years-plans, so have I… In Italy for thirty years under the Borgias they had warfare, terror, murder, bloodshed- but they produced Michelangelo, Leonardo da Vinci, and the Renaissance. In Switzerland they had brotherly love, 500 years of democracy and peace, and what did that produce? The cuckoo clock. So long, Holly!”

Der dritte MannDer dritte MannDer dritte Mann
Spätestens hier stürzt auch für den Zuschauer die Silhouette einer staatsbürgerlichen Ordnung ein, die von den Siegermächten zusammengehalten werden sollte. Der Krieg ist vorbei - aber die Auferstehung aus den Trümmern erfolgt wiederum nur über das Verbrechen. Orson Welles ist dabei natürlich das Aushängeschild des Films. Er gibt einen unwiderstehlichen, wenngleich rücksichtslosen Schurken; eine Figur, die immer noch als ikonografisch gelten muss. Joseph Cotten spielt dagegen einen unbekümmerten und leicht weltfremden Schriftsteller, der sich knietief in den Morast begibt und dabei kaum auf die Hilfe der von Alida Valli dargestellten Anna zählen kann; Valli ist eine Femme Fatale, die zwar weitestgehend mit offenen Karten spielt, durch ihre Beziehung zu Harry aber befangen und deswegen für Holly unerreichbar ist. Dies zeigt sich auch in der letzten Einstellung des Films, als sie an Holly vorbeiläuft, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, da er Harry verraten und ausgeliefert hat.

Graham Greene, der Autor der Buchvorlage, der auch am Drehbuch des Films mitbeteiligt war, sagte einmal, “Der dritte Mann” sei nicht geschrieben worden, um gelesen, sondern um gesehen zu werden. Vom British Film Institute wurde der Film 1999 zum besten britischen Film aller Zeiten gekürt. Eine Würdigung, die Carol Reeds Ausnahme-Krimi mit Fug und Recht stolz als Orden am Revers tragen darf.

Ein Meisterwerk!

Eine Rezension von Christopher Michels
(16. Mai 2009)
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Daten zum Film
Der dritte Mann GB 1949
(The Third Man)
Regie Carol Reed Drehbuch Orson Welles, Graham Greene, Alexander Korda
Produktion Arthaus Kamera Robert Krasker
Darsteller Joseph Cotten, Orson Welles, Trevor Howard, Alida Valli, Paul Hörbiger, Erich Ponto, Ernst Deutsch
Länge 100 Minuten FSK ab 12
Filmmusik Anton Karas
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