Einst waren die Gebrüder Hughes die wohl größten Hoffnungsträger des New Black Cinema, einer kinematografischen Strömung der späten 80er/frühen 90er, aus der einzig und allein Spike Lee (DO THE RIGHT THING) als gültiger Auteur hervor ging. Sämtliche andere Vertreter dieser aufregenden Filmbewegung, die erstmals das afroamerikanische Publikum und dessen Probleme ernst nahm, versanken schnell in hollywoodscher Bedeutungslosigkeit (John Singleton) oder gleich ganz in der Versenkung (Matty Rich). Irgendwo dazwischen lässt sich das künstlerische Schicksal der Hughes Brothers einordnen, die sich nach ihrem fulminanten Regiedebüt MENACE II SOCIETY noch zwei mal im Independent-Bereich aufhielten (DEAD PRESIDENTS und AMERICAN PIMP) und anschließend versuchten im unpolitischen Mainstream-Kino Fuß zu fassen. Das Ergebnis dieses Versuchs ist die unter vielen Gesichtspunkten schwer misslungene Comicverfilmung
From Hell, von der sich Alan Moore (Autor der Vorlage) heftig distanzierte. Zwar konnte sich der mit Johnny Depp prominent hauptbesetzte Film ordentlich schlagen und geriet zum zufriedenstellenden Erfolg - wenn auch nicht zum weltweiten Kassenschlager. Seitdem sind beinahe zehn Jahre vergangen, eine lange Zeit im schnelllebigen Filmbusiness.
Gleich vorweg: Die lange Abstinenz vom Regiehandwerk hat den Zwillingsbrüdern nicht gut getan. Da die beiden ihr Debüt im zarten Alter von ca. 20 Jahr
en inszenierten, sind sie mit fast zwanzigjähriger Berufserfahrung immer noch sehr jung - nur leider auch noch reichlich unerfahren. Schon FROM HELL haftete der nicht weg zu wischende Eindruck an, das sich hier jemand ganz gehörig an der Größe der eigenen Produktion verhoben hat und auch die umjubelten Frühwerke sind nicht frei von Unzulänglichkeiten. Statt aber bei kleinen Filmen zu bleiben und die eigene Handschrift (die selbst noch in THE BOOK OF ELI durchscheint) zu verfeinern, sind Albert und Allen Hughes scheinbar nur noch Auftragsarbeiten interessiert, die möglichst groß und teuer sein müssen. Mit mir haben sie nun endgültg einen treuen Fan verloren, der nach all den Jahren tatsächlich noch mit einem relevanten Film gerechnet hätte. Und es dürfte klar sein: Die 90er kommen nicht zurück.
THE BOOK OF ELI verbindet in seiner anachronistischen Western-Story im Endzeit-Gewand viele Hughes-typische Elemente, von denen die Religion als Fluchtpunkt und Heilsbringer in den Vordergrund gerückt wird. Irgendwann im 21. Jahrhundert zieht der nicht gerade gesprächige Wanderer Eli (Denzel Washington) einsam durch ein postapokalyptisches Ödland, das (wie der Rest der Welt) von einer vergangenen Katastrophe herbei geführt wurde. Nur noch wenige Tiere sind zu finden, weshalb sich unzählige Banden zusammen geschlossen haben, um Menschen zu töten und zu verspeisen. Eli versucht sich so unauffällig seinen Weg zu bahnen, wie nur irgend möglich und mischt sich nicht unnötig in die Probleme anderer ein. Als ihn sein diffus vorgezeichneter Weg nach Westen in ein Wüstenkaff führt, bekommt er ungeahnte Probleme. Der ortsansässige Tyrann Carnegie (Gary Oldman) hält die Stadt in eisernem Griff umklammert und ist seinerseits auf der Suche nach einem verbliebenen Exemplar der Bibel. Mit dieser will sich Carnegie mehr Macht über seine Mitmenschen sichern - schnell findet der Schurke heraus, das Eli die womöglich letzte Bibel mit sich trägt aber scheinbar kein Interesse an der Unterjochung seiner Mitmenschen hat.
Während Eli zuvor noch ambivalent gezeichnet wurde und sich trotz seiner umwerfenden Martial-Arts-Fähigkeiten nicht groß einmischte in Vergewaltigungen und Morde ringsherum, weil er (ganz christlich-starrsinnig) seinen "Weg" nicht aus dem Auge verlieren wollte und so als verblendeter Eiferer gesehen werden könnte, der nicht erkennen will, wann seine Hilfe benötigt wird. In der ruchlosen Stadt, die eigentlich kein klassischer Sündenpfuhl sondern eher Sammelbecken für verzweifelte Existenzen ist, wird Eli dann aber doch zum Heiligen, schlichtweg zum "Guten" in einer trivialen Rahmenhandlung, die direkt einem Groschenheft-Western vom Bahnhofskiosk entsprungen scheint. Wenn er hier in alttestamentarischer Manier Gottes Wort mit dem Schwert verkündet, bleibt diese klare Sympathiebekundung des Films doch sehr fragwürdig. Den Gipfel erreicht diese Entwicklung in einem nicht nur unfreiwillig komischen sondern auch erzreaktionären und christlich verbrämten Finale, in dem sich auch Mila Kunis als Lara-Croft-Abziehbild lächerlich macht. Es stimmt wirklich nachdenklich, wie furchtbar ernst die Hughes-Brüder ihre Bestrafer-Ballade zu nehmen scheinen - den amerikanischen Kreationisten wird es jedenfalls gefallen, wenn den Menschen der Zukunft endlich wieder das Wort Gottes geflüstert wird.
War schon MENACE II SOCIETY ästhetisch verblüffend souverän und von einem bemerkenswert greifbaren Stilwillen geprägt, gewinnt auch THE BOOK OF ELI in den audiovisuellen Disziplinen, mangels inszenatorischer Raffinesse stehen die postapokalyptischen Landschaftsaufnahmen allerdings eher für sich selbst und verblüffen demnach nur für den Moment. Gleich zu Anfang bemüht sich der Film krampfhaft um eine meditative Schwere, die im konfektionellen Gesamtbild freilich zu keinem Zeitpunkt den gewünschten Effekt erreicht. Wortkargheit und weite Aufnahmen allumfassender Trostlosigkeit erzeugen eben noch längst keine filmische Offenbarung - schon gar nicht, wenn jede anmutige Sequenz hektisch zerschnitten wird und sich so ein Gefühl für die Langsamkeit dieser erstarrten Endzeit-Welt erst gar nicht erst einstellt. Wichtiger ist dem dynamischen Regie-Duo wohl eher die möglichst schnittige Choreografie überkandidelter Kampfeinlagen und die aschgraue Farbdramaturgie, der jeder Frohsinn entzogen wurde. Weiterhin zeigt sich die biedere Inszenierung aber spannungs- und überraschungslos, erfüllt ihre Aufgabe ganz im Sinne des Produzenten Joel Silver: Glatt, schön und bloß nicht zu schwer. Das dabei sämtliche theologische Überlegungen auf ein kaum erwähnenswertes Nichts zusammengeschraubt werden und Gary Oldman ein viel zu oft gesehenes Overacting abliefert, sind noch die geringsten Probleme dieses unspannenden "Männerfilms", der mit Mila Kunis unter all den hässlichen Personen unbedingt eine Katalogschönheit in der weiblichen Hauptrolle präsentieren muss und stellenweise mit zynischem Humor auf cool macht.
THE BOOK OF ELI ist letztendlich alles andere als eine triumphale Rückkehr für seine lange abstinenten Macher geworden, entpuppt er sich doch trotz viel versprechender Prämisse und schönem Look als mutloser, spannungsarmer Blockbuster, der ganz den Bedürfnissen eines Massenpublikums angepasst ist und ein Kino des kleinsten gemeinsamen Nenners sucht. In zwei Stunden wird der Film - zugegeben - nicht wirklich langweilig, der religiöse Hammer verzichtet auf jede perfide Manipulation und wird ganz offen ausgestellt. Echte Angriffspunkte sucht man vielleicht vergebens aber für ein Werk zweier einstmals aggressiver und polemischer Filmemacher ist gerade diese Beliebigkeit das größte Armutszeugnis.